Vom Kriegsgefangenen zum Ehrenbürger
- Eine deutsch-französische Freundschaft -



Am 24. November 1944 wurde ich im Alter von gerade eben 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen. Als der Krieg begann, war ich erst 12 Jahre alt, und ich hätte nie gedacht, daß ich auch noch selbst hineingezogen werden würde. Doch dann ging alles relativ schnell. Nach meiner militärischen Ausbildung an verschiedenen Orten kam ich nach drei Monaten schon an die Front der Kyll. Bereits nach acht Tagen Fronteinsatz geriet ich in amerikanische Gefangenschaft. Nach der Unterbringung in mehreren amerikanischen Kriegsgefangenenlagern landete ich schließlich Anfang April in dem französischen Lager "Lachalade", einem alten Kloster in den Argonnen. Zehn Tage später, ich hatte mich als Melker gemeldet, kam ich zu dem Bauern Gaston De Clerq nach Dampierre le Chateau, um als Kriegsgefangener in seinem ca. 100 ha großen Betrieb zu arbeiten.

Die bisherigen Stationen waren alle sehr schnell an mir vorübergelaufen. Kaum fünf Monate von zu Hause weg, stand ich nun in einer mir völlig fremden Welt als Feind. Zum erstenmal war ich in einem fremden Land, verstand die Sprache nicht und kam mir völlig verloren vor. Ich hatte großes Heimweh nach Hause, aber darauf nahm die Realität keine Rücksicht. Ich mußte mich durchbeißen und die Situation annehmen, wie sie war. So bemühte ich mich, meine Arbeit gut zu machen, nach und nach die französische Sprache zu erlernen und mehr Kontakt zu den dort lebenden Menschen zu bekommen. Es war für mich ein großes Glück, daß unser Bauer und seine Familie sehr freundlich und korrekt zu mir waren, das erleichterte meine Lage als Kriegsgefangener erheblich.

Nach und nach besserte sich auch das Verhältnis zu den Einwohnern des Ortes. Es entstand ein gewisses Vertrauen und man sah in mir nicht mehr nur den Kriegsgefangenen. Je besser ich die französische Sprache beherrschte, desto leichter konnte ich mich in ihre Mentalität und Lebensart einfühlen. Wenn man sich sprachlich verständigen kann, ist es doch wesentlich leichter, die Argumente und Ansichten des anderen zu verstehen und zu akzeptieren. So mußte auch ich einiges von meinem vorgefaßten, teilweise eingehämmerten Urteil über den Feind revidieren und erkennen, daß die Menschen im Grunde gar nicht so verschieden sind und oft nur einer falschen Propaganda erliegen. Ich befaßte mich mehr und mehr mit dem Gedanken, daß es doch gut wäre, wenn möglichst viele Menschen ihre gegenseitigen Meinungen und Argumente austauschen könnten, um sich besser verstehen zu lernen. Vielleicht war dieser Gedanke auch der Anlaß für meine bis heute andauernden Bemühungen, eine bessere Verständigung zwischen unseren beiden Völkern über engere Kontakte zu erreichen.

Als ich nach dreieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft wieder nach Lutzerath zurückkehren konnte, hatte ich einen festen Freundeskreis in Dampierre le Chateau zurückgelassen. Besonders die Familie De Clerq hielt den Briefkontakt zu mir aufrecht. Die erste Gelegenheit für ein Wiedersehen kam erst nach neun Jahren, im Mai 1957. Vieles hatte sich in dieser Zeit verändert. Mein damaliger Patron, Monsier Gaston de Clerq, war leider schon 1954 verstorben. Die vier Kinder, Jacques, Hubert, Gervais und Jacqueline hatten eine kranke Mutter, die dann auch im folgenden Jahr verstarb. Durch diese Ereignisse hat sich eine starke Beziehung zu den vier Kindern aufgebaut, die sich bis heute erhalten oder noch verstärkt hat.

In den späteren Jahren fanden noch regelmäßige Besuche statt und man wurde fast wie eine große Familie. Die guten Beziehungen zu den Kindern De Clerq und deren späteren Familien waren und sind heute die Grundlage der Partnerschaft zwischen Lutzerath und Givry en Argonne, die später folgte. Getreu meinem Vorsatz war ich bemüht, noch mehr Menschen aus meinem Bekanntenkreis das gegenseitige Kennenlernen zu ermöglichen. Dies geschah dann auch in den folgenden Jahren durch regelmäßige Besuche und Gegenbesuche.

Am 14. Juli 1973 fand dann die erste größere Fahrt mit einem Reisebus statt. Als Vorsitzender des Kirchenchores Lutzerath organisierte ich auf die Bitte vieler Mitglieder hin eine Fahrt zu meinen Freunden nach Dampierre. Mehr als 30 Personen nahmen an dieser Fahrt teil. Etwa die Hälfte konnte bei meinen Freunden übernachten, die anderen mußten in dem nächstgelegenen Hotel untergebracht werden, und das befand sich in Givry en Argonne, einem Ort mit ca. 600 Einwohnern. Dieser Aufenthalt in Givry war der Beginn einer Freundschaft, die später zu einer offiziellen Partnerschaft führte. Seitens des Bürgermeisters von Givry erfolgte eine Einladung an unseren Kirchenchor zu einem Besuch, der dann zwei Jahre später stattfand. Diese erste offizielle Fahrt des Kirchenchores wurde zum Grundstein der wechselseitigen Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den Vereinen unserer beiden Gemeinden.

Schon im nächsten Jahr empfingen wir den Sportverein von Givry in Lutzerath. In den nun folgenden Jahren lernten sich nach und nach alle Vereine unserer beiden Orte kennen. Dies ist zwar schnell notiert, aber es steckt doch eine ganze Menge Kleinarbeit dahinter. Viele Privatbesuche und Telefonate waren zur Organisation der einzelnen Treffen erforderlich. Da wir, die Familie Rudolf Schenk, immer Anlaufstation waren, hatten wir in diesen Jahren sehr viele Besuche zu bewältigen. Hierbei möchte ich nun auch mal erwähnen, daß dies alles nur durch die tatkräftige Mithilfe meiner Frau Gertrud möglich war. Sie hatte schließlich die meiste Arbeit mit den Besuchern in puncto Verpflegung und Übernachtung. Dankbar erwähnen möchte ich auch die Bereitschaft und Mithilfe der Einwohner von Lutzerath und Driesch und das Engagement der Bürgermeister beider Gemeinden mit dem festen Willen, hier eine dauerhafte Freundschaft aufzubauen und zu erhalten, angefangen bei Monsieur Labare, Monsieur Lefort und Dr. Jacquet in Givry sowie Herrn Johann Welter, Herrn Karl-Heinz Müllen und Herrn Reinhold Müllen in Lutzerath.

Im Jahre 1981 war es dann soweit. Der gegenseitige Wunsch, diese Freundschaft zu einer offiziellen Partnerschaft werden zu lassen, erfüllte sich. Am 20. Juni 1981 erlebte man eine glanzvolle Feier in einem großen Festzelt in Lutzerath, an der auch mehr als 100 Personen aus Givry und Umgebung teilnahmen. Für mich war das ein ganz besonderer Tag, hatten sich doch meine Bemühungen gelohnt, die Menschen unserer beiden Völker einander näherzubringen, soweit es in meinen Kräften stand. Ich war stolz darauf, der Urheber dieser Partnerschaft zu sein, einer Partnerschaft, die von unten begonnen hatte und nach oben weiterging und von der Bevölkerung unserer beiden Orte getragen wurde. Regelmäßige Treffen vertieften die Freunschaft.

Fünf Jahre nach Beginn unserer Partnerschaft gab es für mich wieder einen ganz besonderen Tag. Aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens unserer offiziellen Verbindung wurde mir am 26. September 1986 in einem Festakt in Givry als Dank für meine Bemühungen der Ehrenbürgertitel verliehen. Ab sofort war ich Ehrenbürger der Gemeinde Givry en Argonne, mit den damit verbundenen Rechten. Welche Gedanken und Gefühle kamen da in mir auf! Vor ca. 40 Jahren noch ein Kriegsgefangener, ganz unten und ganz unbekannt in dieser Gegend, war ich nun stolzer Ehrenbürger mit vielen Freunden und Bekannten in meiner "Ehrengemeinde". Ich war glücklich und erfreut darüber, daß auch seitens der Franzosen mein Engagement für diese Freundschaft anerkannt wurde. Diese hohe Ehrung sah ich als Dank und auch als Verpflichtung an, mich weiterhin für diese Partnerschaft einzusetzen.

Seitdem finden regelmäßige Treffen statt, die immer sehr harmonisch verlaufen. Viele deutsch-französische Freundschaften haben sich gebildet, und hier finden auch private Treffen statt. Hervorzuheben wäre noch die zehnjährige Partnerschaftsfeier in Givry, die zu einem großen Fest im frisch renovierten Festsaal der Gemeinde wurde.

Wenn ich heute nun, im Jahre 1995, einen Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre bezüglich meiner deutsch-französischen Beziehungen werfe, darf ich mit Stolz feststellen, daß mein Wirken und Bemühen um das Zustandekommen einer Freundschaft über die Grenzen hinaus von vielen Menschen gewürdigt und anerkannt wurde. Mein Wunsch wäre, daß diese Freundschaft auch von den späteren Generationen weitergetragen wird.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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