(10) Das Leben im Dorf

Was die Einstellung der Franzosen zu uns betraf, so war wohl die erste Zeit die schlimmste. Vor allem, wenn wir mit den Pferden über die Straßen zum Feld fuhren, wurden wir unterwegs oft beschimpft von Franzosen, die uns begegneten. Gebärden und Zeichen wie "Halsabschneiden" und "Sale Boche" erlebten wir öfters in der ersten Zeit. Man konnte uns ja schon von weitem als Kriegsgefangene erkennen, da unsere Kleider alle mit einem großen "PG" (Prisonnier de Guerre) gekennzeichnet waren, sowohl auf dem Rücken als auch auf der Brust. Die Leute im Dorf waren in der ersten Zeit sehr mißtrauisch und kritisch uns gegenüber. Dafür hatten wir schon etwas Verständnis, denn es war ja noch Krieg und sie hatten zum Teil auch ihre Söhne oder Männer im Kampf gegen uns Deutsche verloren oder sie waren noch in Gefangenschaft. Am 8. Mai 1945 kam dann der Tag der Kapitulation, der Krieg war endgültig zu Ende. War das ein Freudentaumel bei den Franzosen! "Hitler kaputt" wurde uns immer wieder zugerufen. Wir waren mittlerweile vier Wochen im Ort und versuchten nach und nach durch das Auffangen verschiedener Wörter etwas französisch zu lernen. Bis dahin war uns die französische Sprache ja total fremd gewesen. Da der Franzose bekanntlich gut und deftig fluchen kann, waren die ersten Wörter, die wir in unser Gedächtnis aufnahmen, natürlich Schimpfwörter, die wir immer wieder von den Arbeitern dort hörten, z.B. "Nom de Dieu", "merde" usw. Wir wußten damals noch nicht so genau, was sie bedeuteten, aber sie gefielen uns wegen der Deftigkeit der Ausdrücke. Nach und nach kamen noch mehr Gefangene nach Dampierre le Chateau. Insgesamt waren wir später acht Kameraden, die in den einzelnen Betrieben arbeiteten. Wir kamen öfters abends nach getaner Arbeit zusammen. Vor allem sonntags trafen wir uns immer und unterhielten uns über die Heimat, die Familie, die Soldatenzeit usw. Wir verstanden uns alle gut miteinander. Das Leben auf dem Dorf und unsere Arbeit in den Betrieben ging kontinuierlich weiter. Bald kam schon die Zeit der Ernte. Hierbei ging es noch einmal so richtig rund. Damals wurde noch alles mit dem "Selbstbinder" gemäht, der von drei Pferden gezogen wurde, die alle drei Stunden ausgewechselt wurden. Alles andere war Handarbeit. Mit drei Leuten mußten wir z.B. den ganzen Tag Garben zusammentragen und aufstellen. Wir hatten dafür extra eine Kutsche mit einem Kutschpferd zur Verfügung, das uns zu dem Feld brachte, was uns sehr angenehm war. Dieses Pferd hieß "Kokotte", ein leichtes, ziemlich heißblütiges Pferd. Meistens stand es im Stall. Mit ihm erlebte ich mehrere Episoden, die ich später noch erzählen werde. Wenn man bedenkt, daß von dem 100 ha Betrieb ca. 70 ha in Handarbeit bearbeitet werden mußten, so kann man sich schon vorstellen, daß die Erntezeit eine sehr arbeitsreiche Zeit war. Die Garben mußten ja alle eingefahren und in die Scheune gelagert werden. Es waren, ähnlich wie beim Mist laden, immer drei Gespanne in Arbeit: eins zum Laden, eins zum nach Hause fahren und eins zum Abladen in der großen Scheune. So ging das ein paar Wochen lang, bis alles erledigt war. Die Garben lagen nun in der Scheune bis zum Winter, wenn die große Dreschmaschine mit ihrem Kommando ankam und tagelang gedroschen wurde. Die Franzosen hatten auch eine merkwürdige Art, Schweine zu schlachten. Ich ging einmal durch den Ort, als ich mitten auf der Straße ein halb verkohltes Schwein liegen sah. Zuerst dachte ich, hier hätte es gebrannt. Wie ich dann aber erfuhr, war das hier so üblich, ich habe es später in unserem Betrieb auch miterlebt. Beim Schweineschlachten wurden immer drei bis vier Personen benötigt. Zuerst wurde das Schwein mit einem langen Strick am Hinterbein angebunden, der dann an einem starken Pfeiler befestigt wurde. Dann wurde das Tier umgeworfen und ein paar Mann knieten sich drauf. Der Hausschlächter stach ihm mit einem langen Messer in den Hals. Es wurde also "geschächt" wie bei den Juden. In unserem Ort war es Monsieur "Grand-Jean", der die Funktion des Hausschlächters erfüllte. Nachdem das Blut abgezapft und umgerührt war, wurde das Schwein dann ganz in Stroh eingewickelt und angezündet, um die Borsten zu verbrennen. Danach sah es ganz verkohlt aus. Ich erinnere mich noch gut daran, daß Monsieur Grand-Jean anschließend ein Stück vom Ohr abschnitt und es genüßlich aß. Mittlerweile kam der Herbst ins Land, und ich hatte seit über einem halben Jahr immer noch keine Nachricht von zu Hause. Ich wußte nicht, ob meine Eltern und meine beiden Schwestern überhaupt noch lebten. Von den Kameraden hatte ich gehört, daß "Lutzerath", mein Heimatort, von der amerikanischen Artillerie beschossen worden war, aber näheres wußte keiner. So wurde das Heimweh in mir immer größer. Ich sehnte mich nach Hause, und so stand ich öfters abends vor dem großen Eingangstor und schaute nach Osten, in die Richtung, in der ich meine Heimat vermutete. Dann war ich ganz in Gedanken versunken und wäre am liebsten sofort abgehauen. Aber da war noch ein großer Haken. Mittlerweile wußte ich, daß Lutzerath auch in der französisch besetzten Zone lag, und alle Gefangenen, die dort nach geglückter Flucht ankamen, wieder von den Franzosen gefaßt wurden und zur Strafe ins Bergwerk mußten. Da war mir meine Arbeit auf dem Bauernhof doch lieber. In der Zwischenzeit hatte sich das Verhältnis der Franzosen zu uns Kriegsgefangenen wesentlich verbessert. Dazu beigetragen hatten auch viel die französischen Kriegsgefangenen, die aus Deutschland zurückkamen. Sie hatten dort meist positive Erfahrungen gemacht, und das kam uns jetzt zugute. Sie waren sehr gesprächig und froh, uns ihre Erlebnisse in deutscher Sprache erzählen zu können. Auch im Ort wurde das Verhältnis immer besser. Nach und nach entwickelte sich gegenseitiges Vertrauen. Die Franzosen sahen, daß wir unsere Arbeiten gut und richtig durchführten, daß wir auch Menschen und keine Barbaren waren, wie die Presse das so oft behauptet hatte. Ich war auch mittlerweile nicht mehr nur der deutsche Kriegsgefangene, sondern wurde überall mit "Rudolf" angesprochen. Gegenüber den älteren Kameraden hatte ich schon gewisse Vorteile. Ich war im Juli gerade erst 18 Jahre alt geworden, und von daher konnte ich ja noch kein großer "Kriegsverbrecher" sein, und vielleicht hatte man auch etwas Mitleid mit mir, weil ich noch so jung war. Mir fiel es auch nicht schwer, nach und nach die französische Sprache zu erlernen. Eine gute Hilfe dabei waren mir die beiden Kinder der Familie de Clerq, Jacques, mittlerweile zweieinhalb Jahre alt, und Hubert, jetzt neun Monate alt. Man spricht ja im allgemeinen mit Kindern etwas langsamer und deutlicher als die Erwachsenen untereinander. Davon habe ich besonders bei den Mahlzeiten sehr profitiert. Vor allem die leichten Kinderwörter prägte ich mir ein und eignete mir den Akzent der französischen Sprache an. Ich kaufte mir auch ein Buch über die französische Grammatik, die ich einstudierte. Für uns Deutsche ist sie wohl schwer zu lernen, aber ich wußte, sie war die Voraussetzung, wenn ich fließend französisch sprechen lernen wollte. Allmählich kündigte sich der Winter an. Es war schon Mitte November, und ich hatte immer noch keine Post von zu Hause. Ich wurde doch immer unruhiger und traurig, daß ich noch kein Lebenszeichen von meinen Lieben hatte. Wie groß war da meine Freude, als ich endlich, 14 Tage vor Weihnachten 1945, die ersten Nachrichten von zu Hause erhielt! Es waren gleich mehrere Briefe und Karten, die da ankamen. Meine Eltern und meine Schwestern hatten mir öfter geschrieben, nur war die Post unterwegs irgendwo liegen geblieben. Ich muß dazu noch vorausschicken, daß ich auch viele Briefe und Karten nach Hause geschrieben habe, die kamen auch erst Ende September dort an. Sie liefen alle als "Correspondance des Prisonniers de Guerre" und wurden natürlich alle zensiert.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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