(11) Weihnachten 1945

Wie gesagt, ich war überglücklich zu erfahren, daß zu Hause noch alles in Ordnung war, und ich litt nicht mehr so sehr unter der Trennung, obwohl mittlerweile schon über ein Jahr vergangen war. Das lange Bangen und die schmerzliche Ungewißheit hatten endlich ein Ende. So schien es trotz der Trennung doch noch ein schönes Weihnachtsfest zu werden. Tage vorher waren wir schon bemüht, für den Heiligen Abend alles vorzubereiten. Vor allem ein Weihnachtsbaum mußte her. Das war allerdings gar nicht so einfach, denn in dieser Gegend der Champagne wachsen überwiegend Kiefern und nur ganz selten Tannen. Außerdem kannte man den Brauch, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, hier damals noch nicht. Nach vielem Suchen konnte Hermann, mein Kamerad, ein kleines Bäumchen auftreiben. Wir stellten es in unserem Zimmer auf. Da wir keine Kugeln und kein Lametta beschaffen konnten, zerschnitten wir das Silberpapier von den Zigarettenschachteln und schmückten damit den Baum. Alle acht Kameraden beteiligten sich eifrig an dieser Arbeit. Wir fühlten uns plötzlich wie die Kinder und die Erinnerung an die Kindheit und an zu Hause stieg ganz deutlich auf. Ständiger Zuschauer bei diesen Vorbereitungen war der kleine Jacques, der älteste Sohn unseres Bauern. Er war damals gerade drei Jahre alt und hatte so etwas wohl noch nie gesehen. Unser Patron schenkte uns sogar noch ein paar Kerzen, die wir mit Freude an unserem kleinen Bäumchen festmachten. So konnte der Heilige Abend für uns beginnen. Gegen Abend erschienen alle acht Kameraden in unserem Zimmer. Es war zwar etwas eng, aber das Wichtigste war, daß wir alle zusammensein konnten. Wir wollten auch in der Fremde eine deutsche Weihnacht feiern. Der ein oder andere brachte noch eine Flasche Rotwein mit, der uns das Hineinversetzen in eine feierliche Stimmung erleichtern sollte. Da saßen wir nun, eng beieinander gerückt, auf den beiden Betten in unserem Zimmer und erzählten von der Heimat, von unseren Weihnachtserlebnissen, von der Kindheit, und plötzlich war die Heimat uns allen sehr nahe. Als wir dann die Kerzen anzündeten und aus unseren rauhen Kehlen "Stille Nacht, Heilige Nacht" erklang, da kullerten uns doch die Tränen aus den Augen, und keiner schämte sich deswegen. Jeder wußte, daß auch die Lieben daheim uns sehr stark vermißten und mit ihren Gedanken bei uns waren. Nie werde ich die Augen des kleinen Jacques vergessen, wie sie beim Kerzenschein strahlten. Einige von uns hatten ja selbst Kinder in seinem Alter. Für sie war es wohl noch schwerer und schmerzlicher, da sie weit von ihren Kindern das Weihnachtsfest verbringen mußten. Wir saßen noch ein paar Stunden zusammen bei einigen Gläschen Rotwein und erzählten uns Weihnachtsgeschichten. Zu unserer Überraschung kam gegen 23 Uhr unser Patron zu uns ins Zimmer und bot Eduard und mir an, uns mit zur Mette ins Nachbardorf Sivry zu nehmen. Wir waren gerne dazu bereit. Als dann in der Mette die französischen Weihnachtslieder erklangen, da hatte ich das Gefühl, mit allen Anwesenden in einer großen Gemeinschaft aufgenommen zu sein. Einer Gemeinschaft, in der ich nicht mehr empfand, daß ich ja eigentlich nur ein Fremder, ein Kriegsgefangener, war. In einer Zeit, in der viele Wunden des vergangenen Krieges noch lange nicht verheilt waren, konnte ich die Weihnachtsbotschaft "Friede auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind" für mich persönlich empfinden und erleben. So wird heute an jedem Weihnachtsfest die Erinnerung an die Weihnacht 1945 in der Gefangenschaft in mir lebendig.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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