(13) Germaine

Der Betrieb oder die "Ferme", wo wir arbeiteten, war ein Pachtbetrieb. Der Eigentümer war Monsieur Hoileux. Er wohnte mit seiner Frau und seiner Stieftochter "Germaine Gellot" gleich nebenan. Mit dieser Familie hatte ich im Laufe der Zeit auch Freundschaft geschlossen. Das kam daher, daß ich dort öfters ausgeholfen hatte, um verschiedene kleinere Arbeiten zu verrichten, z.B. Holz hacken, Gartenarbeiten, u.ä. Ich wurde dann abends oder sonntags zum Tee eingeladen, und wir redeten viel zusammen. Vor allem war es die Tochter Germaine, damals 30 Jahre alt, die mir viel von Frankreich, französischer Geschichte und Mentalität erzählte. Ich konnte dadurch mein französisch sehr verbessern, aber vor allem erteilte mir Germaine auch Unterricht im Schreiben der französichen Sprache. Es waren immer sehr angenehme Abende für mich. Ich hörte Germaine aufmerksam zu und begann immer mehr zu erkennen, welch ein Wahnsinn es doch gewesen war, sich gegenseitig als Feinde anzusehen, sich totzuschießen und soviel Leid zuzufügen. Ich glaube auch, daß hier der Grundstein für mein späteres Handeln gelegt wurde, für meinen Vorsatz, alles zu unternehmen, was in meinen Kräften stehen würde, um diese anfängliche Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln, für viele Menschen, besonders für jüngere, damit man sich nicht noch einmal solche unnützen Leiden und Qualen gegenseitig zufügen sollte. Heute bin ich stolz, daß mir dieses für viele junge Menschen auch gelungen ist. Germaine hatte ein großes Hobby. Sie liebte das Photografieren und entwickelte auch ihre Bilder selbst. Sie arbeitete mit einem Verfahren, bei dem sie die Bilder in der Sonne mit Tageslicht entwickeln konnte. Es machte ihr Spaß, mich bei meinen verschiedenen Arbeiten zu photografieren. Wenn ich z.B. irgendwo auf dem Feld am Pflügen oder Säen war, erschien sie und machte ein paar Aufnahmen von mir. So kam es auch, daß sie mir später bei meiner Heimkehr nach Lutzerath als Erinnerung an Dampierre ein Photoalbum überreichte, mit vielen Photos von den dreieinhalb Jahren meiner Zeit dort. Ich habe mich sehr darüber gefreut und es oft angeschaut. Daß sie bereits damals "europäisch" dachte, konnte ich an dem Spruch des französischen Dichters Lamartine ersehen, den sie in mein Photoalbum drucken ließ, der ins deutsche übersetzt etwa folgenden Wortlaut hat: " Sie werden keine Trennung vornehmen in den Rassen, Stämmen, Völkern und Nationen, und wenn man sagen wird, diese Rasse sind Barbaren, dieser Fluß trennt euch, dieser Berg begrenzt euch, dann sagt: Der gleiche Gott sieht uns und segnet uns, das Firmament deckt uns alle zu und der Himmel vereint uns."




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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