(14) Winter 1945/46

Nun stand schon Neujahr vor der Tür, für die Franzosen ein hoher Feiertag. In Frankreich wurde jedenfalls damals Neujahr noch mehr gefeiert als Weihnachten. Ich ging also auch zur Familie de Clerq ins Zimmer, um ihnen ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Nun war da auch Denise anwesend. Ich wollte ihr auch die Hand reichen, doch da packte sie mich und küßte mich "rechts-links-rechts-links" auf die Wangen. Ich wurde rot bis hinter die Ohren und war ganz verlegen. Damals kannte ich noch nicht die Art, wie sich die Franzosen küssen, besonders bei der Begrüßung. So erhielt ich also Neujahr 1946 meine ersten französischen Küsse, die allerdings bei weitem nicht die letzten waren. Aber damals war ich so verlegen und überrascht, weil ich als Kriegsgefangener mit so etwas nicht gerechnet hatte. Der Winter 1945/46 war ein strenger Winter mit viel Schnee. Unsere Arbeit in dem Betrieb war fast jeden Tag die gleiche: Melken, Füttern, Futter sorgen usw. Etwas Abwechslung gab es, wenn wir mit den Pferden ausreiten sollten, um ihnen etwas Bewegung zu verschaffen. Die Bauern gingen währenddessen viel zur Jagd. Es gab dort vor allem viele Hasen und Wildkaninchen. In Frankreich hatte damals jeder das Recht, zur Jagd zu gehen, wenn er Eigentum besaß. Wenn wir auch nicht mehr zu unserem Gefangenenlager zurück mußten, so wurden wir doch von dort versorgt mit Kleidern, Zeitschriften, etwas Tabak u.ä. Alle Post, die wir erhielten, lief durch unser Lager mit Zensur, es war das "Depot 62 Marne". 1946 war es von "La Chalade" nach "St.Menehould" verlegt worden. St.Menehould war eine kleine Kreisstadt mit ca. 7000 Einwohnern am Rande des Argonnerwaldes. Von dort aus waren es nur noch 15 km bis nach Dampierre. Da zur damaligen Zeit besonders Tabak noch sehr knapp war und ich noch nicht rauchte, trieb ich schon mal mit den Franzosen etwas Schwarzhandel. Uns ging es dabei vor allem um etwas bessere Kleidung, und dann ohne diese PG-Zeichen. Wir wollten doch sonntags auch mal etwas feiner sein. Die Hosen z.B. "bügelten" wir über Nacht im Bett, indem wir sie unter die Bettdecke legten und darauf schliefen. Wir lebten uns mehr und mehr ins Dorfleben ein, und sonntags brauchten wir normalerweise nicht zu arbeiten. Wir besuchten regelmäßig die Messe mit den Franzosen. Im Ort war eine kleine schlichte Dorfkirche, sehr einfach ausgestattet mit ein paar alten Holzbänken. Im Winter, wenn es sehr kalt war, wurde der Holzofen angemacht, damit man es einigermaßen drin aushalten konnte. Der Pastor, ein schon älterer Herr, kam Sommer wie Winter immer mit seinem Fahrrad angeschaukelt, er wohnte im Nachbardorf, 4 km entfernt. Er trug immer einen Rock und auf dem Kopf einen breiten flachen Hut, wie das damals bei den französichen Pfarrern üblich war. Ich habe später einmal ein paar Filme von "Don Camillo" mit Fernandel gesehen. Dabei mußte ich dann immer an unseren Pastor in Dampierre denken. Nach der Messe gingen wir dann öfters mit den Franzosen zum Frühschoppen bei Madame Cappi. Sie war eine ältere, etwas füllige Dame, die immer Ruhe und Wärme ausstrahlte. Wir fühlten uns wohl bei ihr. Bei diesen Frühschoppen lernten wir auch erstmals die verschiedenen französischen Aperitivs kennen. Besonders gerne mochten wir den Pernod oder Riccard. Das ist ein Anislikör. Er wird mit Wasser gemischt, ca. 1 Teil Pernod zu 4 Teil Wasser. Dieses Getränk schmeckte uns besonders gut und löschte auch gut unseren Durst. Aber im Nachhinein ist es sehr heimtückisch. Man trinkt in aller Ruhe zwei bis drei Glas, und wenn man aufstehen will, schlottern einem die Knie. Uns jedenfalls erging es so, wenn wir wieder zu unserer Behausung gehen wollten. Sonntagsnachmittags trafen wir Gefangenen uns alle acht und gingen ein bißchen spazieren. Das war gut, man konnte seine Gedanken und Neuigkeiten austauschen, und es wurde viel von der Heimat geredet. Dabei kamen aber auch unsere "Patrone" zur Sprache. Nicht alle waren so korrekt und offen wie unser Monsieur de Clerq. Ein paar wurden wirklich wie Gefangene behandelt und durften nicht am gleichen Tisch essen mit den Franzosen. Daher hatten sie auch keine Lust, etwas mehr zu arbeiten als sie unbedingt mußten. Im Gegenteil, manches ließen sie verschlampen, was sie normalerweise nicht getan hätten. Es zahlte sich also für diese Bauern wirklich nicht aus, daß sie so hartherzig und geizig waren. Ich lernte daraus für mich, daß es im Leben nicht viel bringt, wenn man zu kleinlich und geizig ist, und daß man mit Offenheit und Großzügigkeit doch besser durchs Leben kommt. Mit der Post klappte es ab 1946 ganz gut. Ich erhielt laufend Briefe von meinen Eltern, meinen beiden Schwestern Hilde und Rosa, aber auch von meinen Schulkameraden und Freunden. Besonderer Briefkontakt entwickelte sich mit einer Jugendfreundin, "Gertrud Theobald", die mich über die Neuigkeiten innerhalb der Lutzerather Jugend informierte. (Sechs Jahre später wurde sie meine Frau.) Wenn ich dann diese Neuigkeiten las und mich in Gedanken hinein vertiefte, überkam mich doch das große Heimweh. Wir waren nun schon länger als ein Jahr in Gefangenschaft, und leider gab es keinerlei Anzeichen für eine baldige Entlassung in die Heimat. Es wurde zwar viel darüber geredet, doch es tat sich nichts. Unsere Arbeit in Dampierre ging im gleichen Rhytmus weiter.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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