(17) Das Kutscherpferd Kokotte

Ein anderes Mal hatte ich ebenfalls großes Glück. Das Kutscherpferd Kokotte hätte mich beinahe erschlagen. Da dieses Pferd nicht viel angespannt wurde, befand es sich oft auf der Weide hinter der Scheune. Gegen Abend ging ich hin, um Kokotte reinzuholen. Dabei machte ich einen großen Fehler. Sie war noch ruhig am Grasen, als ich mich von hinten näherte, ohne daß sie mich hörte. Ich gab ihr einen leichten Klaps mit der Hand auf den Hintern. Wie vom Blitz getroffen schoß sie sofort mit beiden Hinterbeinen hoch. Hätte ich damals nicht so schnell reagiert und wäre nicht mit einer Reflexbewegung rückwärts gesprungen, hätte es mich ganz sicher voll erwischt. So waren es nur noch wenige Zentimeter, die die Hufe von meinen Augen trennten. Ich spürte den Windhauch und sah nur noch etwas Schwarzes dicht vor meinen Augen. Dieses Erlebnis war mir für mein Leben lang eine Lehre. Ich ging fortan nie mehr von hinten an ein Pferd ran, ohne es vorher anzusprechen. Noch eine andere Episode erlebte ich mit Kokotte. Ich sollte an einem Nachmittag ein Feld pflügen, und habe sie als drittes Pferd mit angespannt. Das Pflügen ging noch einigermaßen gut, obwohl Kokotte sehr unruhig war und viele Zicken machte. Als ich dann nach Hause in den Hof kam, dachte ich, sie sei nun müde. Ich spannte die anderen Pferde aus, und sie gingen wie immer alleine in den Stall auf ihren Platz. Das nahm ich auch bei Kokotte an. Aber von wegen, statt in den Stall lief sie durch das offenstehende Tor zur Straße, dann durch das ganze Dorf bis zur Kuhweide, wo sie öfters mit den Kühen gegrast hatte. Man kann sich meinen Zorn vorstellen, ich war schließlich auch müde von der Arbeit, den ganzen Nachmittag war ich hinter dem Selbsthaltepflug hergelaufen. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Pferd von der Weide zu holen. Ich schätze, daß sie einen ganzen Kilometer vom Hof entfernt war. Dort angekommen, wollte ich Kokotte einfangen. Aber so sehr ich mich auch mühte, es klappte einfach nicht. Ich wurde immer wütender und natürlich auch erschöpfter. Endlich, nach ca. 20 Minuten, bekam ich die Zügel zu fassen. Um sie jedoch in Ruhe nach Hause zu führen, war ich viel zu wütend. Ich schwang mich also kurzerhand auf ihren Rücken und ab ging die Post. Da Kokotte keinen Sattel hatte, war ich gezwungen, mich mit meinen Beinen zu halten, und mit dem Zügel in der Hand ging es in vollem Galopp durch den Ort. Mein Strohhut, der mit einer Kordel festgebunden war, fiel mir auf den Rücken, so daß ich in richtiger Wild-West-Manier über die Straße galoppierte. Als ich dann durch das Eingangstor des Hofes reiten wollte, kam unglücklicherweise gerade der Bauer mit seinem Auto heraus. Was sollte ich tun? Ein Zusammenstoß wäre unvermeidlich gewesen. Geistesgegenwärtig zog ich die Zügel an, drückte die Beine in die Rippen, und mit einem Satz sprang Kokotte über die Kühlerhaube. Nebenan standen Madame Hoileux und Germaine. Ich hörte ihren Aufschrei, und mir zitterten auch die Knie. Wir unterhielten uns später noch oft über diese Situation.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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