(18) 1946/47

Im Frühjahr 1946 kam ein neuer Gefangener zum Betrieb unseres Bürgermeisters Monsieur Boivin. Er stammte aus Mönchengladbach, sein Name war Hans Tewilt. Ich freundete mich schnell mit ihm an. Zu Hause hatte er eine Frau und eine kleine Tochter, Renate. Er hatte großes Heimweh nach den beiden und sagte immer, daß er so bald wie möglich abhauen werde. Im Sommer war es dann soweit. Ich half ihm gerne, den nötigen Proviant zu besorgen. Die wichtigen Straßenkarten allerdings konnte ich auch nicht beschaffen. Daher zogen wir Germaine ins Vertrauen. Das war schon eine riskante Angelegenheit, sie hätte uns ja verraten können. Aber sie machte mit und besorgte die nötigen Karten. Das war für sie auch nicht ungefährlich, denn es war streng verboten, und sie hätte bestraft werden können. Eines Nachts also war unser Hans verschwunden und wir waren in Gedanken bei ihm, ob er es wohl schaffen würde. Ein halbes Jahr später erhielt ich Nachricht von ihm. Er war in Belgien, nahe der deutschen Grenze, geschnappt worden. Man schickte ihn noch für vier Monate ins Bergwerk und anschließend wurde er entlassen. Die Zeit zog sich so dahin, und es kam schon wieder ein neuer Winter, 1946/47, ohne daß sich etwas abzeichnete in Punkto Entlassung. Wir mußten weiterhin zur Wiedergutmachung hier arbeiten. Endlich, nach dem Frühjahr 1947, tat sich einiges, und zwar seitens des Roten Kreuzes. Die Franzosen wurden doch intensiv dazu angehalten, mit der Entlassung ihrer Kriegsgefangenen zu beginnen. Aber es zog sich alles noch lange hin. Im Sommer 1947 wurden wir dann über einen sogenannten Entlassungsplan in 10 Kategorien informiert. Die erste Kategorie waren Familienväter mit mehr als drei Kindern, dann mit zwei Kindern, mit einem Kind, Verheiratete, Ältere usw. Für mich allerdings bedeutete das die letzte, die 10. Stufe. Dieser Entlassungsplan sollte innerhalb eines Jahres umgesetzt werden. Gleichzeitig aber wurde uns angeboten, einen Kontrakt, einen Arbeitsvertrag für ein Jahr, mit dem Arbeitgeber abzuschließen. Dies hatte den Vorteil, daß man ab Vertragsbeginn nicht mehr als Gefangener, sondern als "Zivilarbeiter" geführt wurde. Außerdem sollte man dann den gleichen Lohn erhalten wie die französischen Arbeiter. Was uns aber am meisten imponierte war die Zusage, während dieses Jahres einen ganzen Monat Heimaturlaub zu bekommen. Jetzt galt es, bald eine Entscheidung zu treffen. Bis jetzt hatte unser ganzes Sinnen und Trachten ja einer baldigen Heimkehr gegolten. Nun allerdings, da wir wußten, daß es durch unsere niedrige Entlassungsstufe ohnehin noch ein ganzes Jahr dauern würde, freundeten wir uns immer mehr mit dem Gedanken an, den Kontrakt abzuschließen. Ich habe hin und her überlegt und auch meinen Eltern die Situation beschrieben. Sie waren anfangs gar nicht begeistert von meiner Absicht, den Vertrag einzugehen. Als sie aber erfuhren, daß die Möglichkeit bestünde, mich bereits Weihnachten 1947 für einen Monat auf Urlaub zu Hause zu haben, waren auch sie einverstanden.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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