(19) Als Zivilarbeiter

Ich sprach also mit meinem Bauern über diesen Jahreskontrakt. Da mein Kamerad Eduard wohl in denselben Schuhen stand, schloß er sich an. Der Bauer kannte uns nun schon länger als zwei Jahre als zuverlässige Arbeiter. Daher war er mit dem Vertrag einverstanden. Wir wollten auch keine Zeit mehr verlieren. Je früher der Abschluß, desto schneller war das Jahr vorbei. Nun mußten wir nach St. Menehould zu unserem Lager wegen der Entlassungspapiere und galten anschließend als "freie Zivilarbeiter". Es war der 21. September 1947. Das war wieder ein vollkommen neues Gefühl, wir brauchten nicht mehr mit dieser gekennzeichneten Kleidung herumzulaufen. Wir hatten jetzt einen klaren Weg vor uns. Wir wußten, am 21. September 1948 war das Jahr vorbei und wir durften endgültig nach Hause. Außerdem war da ja noch ein Monat Heimaturlaub in Sicht. Unser Bauer war bereit, uns diesen Urlaub in der Zeit vom 15. Dezember 1947 bis zum 14. Januar 1948 zu gewähren. Die Zeit von September bis Dezember lief nun schnell vorbei. Was das Schöne war, wir verdienten jetzt auch noch Geld. Damit konnten wir endlich auch mal neue Kleider kaufen. Ich habe mir z.B. von meinem Monatslohn (Nov.47) von 4500 francs, das waren damals umgerechnet ca. 200 DM, ein "Kostüm" gekauft, daß auch ungefähr so viel kostete. So konnten wir dann am 15. Dezember unseren Urlaub in neuen Kleidern, auf die wir sehr stolz waren, antreten. Unser Bauer brachte uns mit dem Auto nach St.Menehould zur Bahn, und ab ging es in Richtung Heimat. Es war allerdings eine schwierige Fahrt. Wir mußten oft umsteigen und Umwege in Kauf nehmen. Besonders in Deutschland sah es damals noch sehr schlecht aus. Die Waggons waren in einem miserablen Zustand. Die meisten Fenster waren kaputt oder mit Pappe zugeklebt. Aber das alles kümmerte uns nicht. Unsere Gedanken waren schon zu Hause. Wie wird es dort wohl aussehen? Was hat sich in den drei Jahren verändert? Wie sehen die Eltern und Geschwister jetzt aus? Kennen Dich Deine Freunde noch? Diese und ähnliche Fragen gingen uns durch den Kopf. Endlich, am Abend des 16. Dezember, kam ich in Lutzerath an. War das ein Wiedersehen! Ich werde es nie vergessen. Überglücklich schlossen mich meine Eltern und meine Schwestern in die Arme und weinten vor Freude. Drei Jahre war ja auch eine lange Zeit. Was gab es da alles zu erzählen! Es wurde ein langer Abend. Die Nachricht, daß ich in Lutzerath angekommen sei, verbreitete sich sehr schnell im ganzen Ort. Es kamen so viele Freunde, Bekannte und Verwandte, sie alle wollten mich wiedersehen. Es gab überall viel zu berichten. Alle meinten, in den drei Jahren sei aus dem Jüngling ein junger Mann geworden. Zur gleichen Zeit kam dann noch ein Zivilarbeiter aus Frankreich in Heimaturlaub. Es war Toni Theobald, dem es fast ebenso ergangen war wie mir, und er hatte sich auch für ein Jahr verpflichtet. Mich freute das sehr, denn nun konnten wir unsere Erfahrungen austauschen. Dadurch waren wir auch oft abends zusammen, mit unseren beiden Familien. Hierbei bahnte sich auch etwas Neues an. Ich hatte ja mit Gertrud, der Schwester von Toni, schon seit längerer Zeit Briefverkehr, und bei diesen Zusammenkünften haben wir uns dann tiefer in die Augen geschaut. Meiner Schwester Rosa erging es so ähnlich, sie hatte ein Auge auf Toni geworfen. Die Dinge entwickelten sich in dieser Richtung weiter, und ein paar Jahre später hatte ich Gertrud, die Schwester von Toni geheiratet, und Toni nahm Rosa, meine Schwester, zur Frau. Wir haben also praktisch unsere Schwestern ausgetauscht. Diese Weihnachtszeit 1947 war eine unvergeßlich schöne Zeit. Sie ging nur viel zu schnell vorbei. Es kam bald der Tag, an dem wir wieder Abschied nehmen mußten. Es war aber diesmal nicht so tragisch, wir wußten nun, wie es zu Hause aussah, und wir wußten vor allem, daß in neun Monaten unser Vertrag zu Ende lief, und wir dann endgültig zu Hause bleiben konnten. Pünktlich am 14. Januar 1948 kamen wir wieder in Dampierre le Chateau an. Ich hatte Eduard in Binningen abgeholt und gemeinsam waren wir zurückgefahren. Die Franzosen im Dorf waren eher etwas verwundert, uns wiederzusehen, sie dachten wohl, wir würden in unserer Heimat bleiben. Dies hätte uns nichts genützt, denn "Vertrag ist Vertrag". Die nächsten Monate liefen nun wirklich schnell vorbei. Mittlerweile konnte ich fast fließend französisch sprechen und bekam auch viel Kontakt mit der Dorfjugend. Da ich schon immer gerne Fußball gespielt hatte, kaufte ich mir einen Fußball und ein Paar Fußballschuhe. Als die Jugendlichen im Dorf das sahen, nahmen sie mich in ihren Club auf und gründeten eine richtige Fußballmannschaft. Ich war der Mittelläufer. Meine Mannschaftskameraden liehen mir ein Fahrrad und nahmen mich mit zu den Fußballspielen in die umliegenden Orte. Manchmal war dann auch die Kirmes, "la fète", in dem Ort, und dann wurde abends sogar getanzt, aber wie dort getanzt wurde! In den kleinen Orten gab es ja kaum Lokale, geschweige denn einen Saal, in dem man hätte tanzen können. Also ging man in eine Scheune, in der eine einigermaßen gute Tenne war. Auf einem Holzwagen in der Tenne nahm die Musikkapelle, meist bestehend aus nur zwei Mann, Platz. Getanzt wurde dann also in dieser Tenne. Alles versammelte sich vor der "Tanzfläche", Bänke oder Stühle gab es nicht. Es gab auch nichts zu trinken. Falls man Durst hatte, mußte man entweder in ein nahes Lokal, sofern vorhanden, oder zu den Familien in die Häuser gehen. Und trotzdem, die Jugend amüsierte sich und war froh und glücklich, auch ohne viel Alkohol. Da ich ja nun Zivilarbeiter war, konnte ich mich doch viel freier bewegen als vorher. Durch meine vielen Kontakte mit der Jugend dort wurde ich auch zu einem "Dorfjungen". Ich kannte fast alle Leute im Ort und hatte mit allen auch ein freundschaftliches Verhältnis. Ich lernte ihre Gastfreundschaft kennen, die den Franzosen eigen ist, wenn sie jemanden gut kennen. Immer mehr erkannte ich, daß es wohl überall auf der Welt auch viele gute Menschen gibt, und was für ein Wahnsinn es war, der Propaganda Glauben zu schenken und diese Menschen dann plötzlich als Feinde zu betrachten. Mir kam der Gedanke immer mehr, auch nach meiner Zeit hier die Freundschaft zu diesen Menschen aufrechtzuerhalten. Darüberhinaus nahm ich mir vor, möglichst vielen Menschen beider Völker persönliche Kontakte zu vermitteln, denn die persönliche Bekanntschaft nutzt mehr als jede Propaganda, und auch nur dann kann man sich selbst ein Urteil erlauben.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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