(02) 24. November 1944 Einberufung zur Wehrmacht

Am 24. November 1944 war es also soweit. Ich wurde zur Wehrmacht eingezogen. An diesem Tag sollte ich mich in der "Gneisenaukaserne" in Koblenz melden. Zunächst ging es mit dem Postauto bis Cochem und mit der Bahn nach Koblenz. Unterwegs traf ich mehrere Jungen in meinem Alter, die auch dorthin mußten. Vom Bahnhof Koblenz ging es zu Fuß über den Rhein und den Berg hinauf zur Gneisenaukaserne. Hier wußte man zuerst gar nichts mit uns anzufangen. Man steckte uns zunächst einmal in die einzelnen Zimmer und überließ uns unserem Schicksal. Endlich, nach drei Tagen, wurden wir zum Antreten aufgefordert und registriert. Dann hat man uns nach typischer H.D.V.-Methode ("sitzt, paßt und hat Luft") die Militärklamotten hingeworfen. Nun waren wir auch "Soldaten in Uniform". Wir wurden zu den "80 n" einberufen, und zwar zur 4. Kompanie. Das war die "Maschinengewehrkompanie". Fünf Soldaten bildeten eine Gruppe. Der "Schütze 1" bediente das schwere Maschinengewehr, "Schütze 2" mußte die "Lafette" tragen und aufbauen. Das war der schwerste Posten der Gruppe. Die übrigen drei waren verantwortlich für die Munitionskästen. An diesen Waffen wurden wir nun ein paar Tage lang ausgebildet. Ich wurde als Schütze 1 nominiert und mußte also das MG tragen. Ein paar Tage später wurden wir schon in die "von Deines"-Kaserne nach Niederlahnstein verlegt. Da in dieser Zeit ständig starke Bombenangriffe über Koblenz und Umgebung erfolgten, mußten wir oft zu Aufräumarbeiten nach Koblenz. Von "Ausbildung" war nicht mehr die Rede. Eines Abends hieß es dann plötzlich "Antreten zum Abmarsch. Es sind nur Waffen und Tornister mitzunehmen. Alles andere wird vom Troß nachgebracht." Als junge Soldaten waren wir viel zu gutgläubig und harmlos. Wir ließen alle unsere Sachen zurück, unsere Zivilkleider und unsere persönlichen Dinge. Ich ließ sogar ein frischerhaltenes "Freßpaket" von zu Hause zurück, das mir Gustav Müllen am Tage vorher aus Lutzerath mitgebracht hatte. Er war damals Feldwebel in der gleichen Einheit und hatte daher schon mehr zu sagen als wir jungen Rekruten. (6 Jahre später wurde er mein Schwager). Wir marschierten also in der Nacht los, durch Koblenz bis nach Plaidt. In der Schule von Plaidt wurden wir dann für ein paar Tage einquartiert zur weiteren Ausbildung. Am 16. Dezember 1944 begann ja die bekannte "Ardennenoffensive" unter Generalfeldmarschall von Rundstedt. Als Nachschub zu dieser Offensive sollten wir auch mit eingesetzt werden, also ging es für uns in Richtung Westen. Vom Bahnhof "Urmitz" aus fuhren wir zunächst mit der Bahn bis zum "Ürziger Bahnhof". Hier legten wir wegen ständiger Jabo-Angriffe eine Pause ein. Wir durften uns zwei Stunden in den umliegenden Orten aufhalten. Da ich Verwandte im nahegelegenen "Hetzhof" hatte, konnte ich mich mit ihnen in Verbindung setzen. Ich hatte das Glück, daß meine Cousine Rosa aus Hetzhof mir ein Päckchen mit allerlei leckeren Sachen mitgeben konnte für unseren weiteren Marsch an die Front. Es war für mehrere Jahre der letzte Kontakt, den ich mit Angehörigen hatte. Gegen Abend ging es dann mit der Bahn weiter bis "Ehrang". Hier war Endstation. Von da ab ging es zu Fuß durch die Nacht in Richtung Westen, über Kordel, Welchbillig, Helenenburg bis nahe der luxemburgischen Grenze. Unser nächstes Ziel war "Dahnen", ein Ort nahe der Grenze. Der Westwall mit den Bunkern befand sich ganz in der Nähe. Hier wurden einige Gruppen unserer Kompanie untergebracht. Unsere Gruppe bezog Quartier im Ort Dahnen. Es war kurz vor Weihnachten. Der Ort war evakuiert worden, es befanden sich keine Zivilpersonen mehr dort, dafür herrschte reges militärisches Leben. Wir sahen erstmals auch die neuen Panzer, die "Tiger", von denen man sich vo viel versprochen hatte. Nur, sie standen da ohne Sprit. Mit dem Nachschub klappte es überhaupt nicht. Wie man später erfuhr, war die ganze Ardennenoffensive ein großer Fehlschlag gewesen. Der ungeheure Aufwand hatte sich nicht mehr gelohnt und zu riesigen Verlusten geführt. Eingesetzt waren insgesamt:
30 Divisionen mit insgesamt 250000 Mann
1900 Geschütze und 970 Panzer
1500 Flugzeuge (Jagdflugzeuge)
Die Verluste: über 100000 Mann und fast das ganze Militärmaterial Es war wohl das letzte große Aufbäumen der deutschen Wehrmacht vor der endgültigen Niederlage. Es kam der Heiligabend 1944, immer ein besonderer Tag in der Familie, der mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden ist. Wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsbaum leuchtete und Mutter die Stube so frisch mit Leinöl eingerieben hatte, das so einen eigenen Geruch verbreitete, dann war für uns Kinder Weihnachten. Das war nun der erste Heiligabend, den ich nicht zu Hause verbringen konnte. Wir waren mit sieben Soldaten in der Küche eines leerstehenden Hauses in Dahnen einquartiert. Wir wollten doch etwas Weihnachten feiern und waren mit Vorbereitungen beschäftigt, als plötzlich die Hölle losging. Ringsum fielen Bomben. Wir warfen uns alle in der Küche zu Boden und hoffen, daß wir nicht getroffen würden. Im Nu standen die Häuser um uns herum in Flammen. Da hatten wir unsere Weihnachtsbeleuchtung, nur hätten wir auf so eine gerne verzichtet. Fast die ganze Nacht verbrachten wir auf dem Küchenboden, weil immer wieder Jabos anflogen und bombardierten. Am nächsten Morgen sahen wir die Bescherung. Viele Häuser waren abgebrannt und mehrere unserer Kameraden mußten ihr Leben lassen. Sie wurden in der Kirche von Dahnen aufgebahrt und wir zogen schweigend an ihnen vorüber. Wir verbrachten noch ein paar Tage in Dahnen. Immer mehr Soldaten begegneten uns bei ihrem Rückzug von der Front. Am Silvesterabend hieß es dann auch für uns: "Antreten zum Rückmarsch!". Unser Weg führte über Neuerburg, Bitburg, Speicher, Zemmer, zuächst bis nach Schweich. Dort war eine große Entlausungsstelle eingerichtet. Da wir gerade in Schweich eine Pause einlegten, sollten wir auch alle zur Entlausung antreten. Ich hatte damals zwar noch keine Läuse, aber: mitgefangen, mitgehangen. Wir mußten unsere Kleider ausziehen, die dann in einem großen Kessel gekocht wurden. Anschließend wurden sie heiß getrocknet und nach ca. einer Stunde konnten wir sie wieder anziehen. Nach dieser Prozedur marschierten wir dann weiter durchs Ruwertal über Waldrach bis nach Korlingen.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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