(20) Freiwillige Aufenthaltsverlagerung

Es war bereits August 1948, als Monsieur de Clerq, unser Bauer, an uns herantrat mit einer Bitte, die für uns nicht leicht zu erfüllen war. Ich muß noch erwähnen, daß im Frühjahr 1947 der dritte Sohn der Familie, Gervais, das Licht der Welt erblickt hatte. Die Familie sehnte sich nun noch nach einer kleinen Tochter. Nun war gerade für den 21. September bis 3. Oktober eine Familienwallfahrt nach Lourdes ausgeschrieben. Daran wollten Monsieur und Madame de Clerq nun teilnehmen, um für ein Mädchen zu beten. Dies war aber nur dann möglich, wenn wir beide, Eduard und ich, in dieser Zeit den Betrieb versorgen würden. Am 21. September lief aber unser Vertrag aus, und wir würden dann freiwillig länger bleiben. Für uns war das eine schwere Entscheidung. Wir zählten doch schon längst die Tage, bis wir endlich nach Hause könnten. Auch zu Hause wartete man schon sehnsüchtig auf unsere Rückkehr. Nun kam der Bauer mit diesem Anliegen, ich war hin- und hergerissen. Was sollten wir tun? Unser Bauer Gaston de Clerq hatte sich von Anfang an immer fair und korrekt zu uns verhalten. Wir durften vom ersten Tag an am gleichen Tisch mit ihm essen und wurden in die Familie mit einbezogen, was sicher noch lange nicht überall der Fall war. Er hatte auch volles Vertrauen in uns gesetzt und rechnete nun mit einem "ja". Ich schrieb nach Hause und schilderte ihnen meine Beweggründe. Natürlich waren sie etwas enttäuscht, daß es nun noch zwei Wochen später werden sollte, aber sie waren doch einverstanden. Also gab ich meine Zusage, die zwei Wochen länger zu bleiben. Eduard allerdings sagte "nein". Ihm war alles egal, er würde keinen Tag länger bleiben. Er fuhr am 21. September alleine nach Hause. Wie ich später erfuhr, fand er keine Arbeitsstelle zu Hause, und ein knappes halbes Jahr später schrieb er an Monsieur de Clerq, um ihn zu bitten, ihn wieder in seinem Betrieb zu beschäftigen. Ich war nun also alleine im Betrieb und trug die ganze Verantwortung. Schon sehr früh mußte ich raus, um die Kühe zu melken. Anschließend wurden dann die Pferde gefüttert, gemistet usw. Ich hatte den ganzen Tag meine Arbeit. Gegessen habe ich in dieser Zeit bei der Schwester unseres Bauern, Madame Decoker, deren Betrieb ja vis à vis von unserem lag. Bei ihr waren auch die drei Kinder Jaques, Hubert und Gervais untergebracht. Die 12 Tage gingen ziemlich schnell vorüber, und am 4. Oktober kamen Bauer und Bäuerin zurück. Sie bedankten sich sehr bei mir und hatten mir ein schönes Geschenk mitgebracht. Ich hatte das Gefühl, richtig gehandelt und Freundschaft mit Freundschaft und Vertrauen mit Vertauen vergolten zu haben. Seitdem vertiefte sich dieses Freundschaftsverhältnis noch, und es hat sich auch auf die Kinder übertragen. Bis zum heutigen Tag, seitdem sind fast 50 Jahre vergangen, ist unsere Freundschaft intensiv geblieben. So konnte ich nun, zwei Wochen später als vorgesehen, frohen Mutes meine Heimkehr antreten. Der Abschied war sehr herzlich, und ich erneuerte das Versprechen, den Kontakt zu der Familie aufrechtzuerhalten und sie später zu besuchen. Zu Hause wurde ich natürlich sehr herzlich empfangen. Die lange Zeit der Trennung und Ängste hatte nun ein Ende. Ich hatte mich schnell wieder in das normale Dorfleben eingefügt, und es galt nun, neue Aufgaben zu bewältigen. Zunächst mußten die Spuren des Krieges bewältigt werden, die er auch in Lutzerath hinterlassen hatte. So war z.B. im Jahre 1944 vor unserem Haus eine Panzersperre errichtet worden. Dafür war rechts und links am Straßenrand je ein Loch von 1 x 2 m Fläche und 2 m Tiefe ausgehoben worden, in das dan dicke, 4 Meter hohe Stämme gesteckt wurden. Falls ein feindlicher Panzer angerückt wäre, hätte man die Straße mit den bereitliegenden starken Querstämmen verschlossen. Als dann später wirklich die Amerikaner ankamen, schoben sie diese Panzersperren mit ihren schweren Maschinen einfach beiseite und warfen die Löcher wieder zu. In unserem Fall benutzten sie dazu unsere 2 Meter hohe Hofmauer, die nun wieder errichtet werden mußte. Meine Eltern und Schwestern waren froh, daß ich bei dieser schweren Arbeit wieder mithelfen konnte. Es gab überall viel zu tun in den nun folgenden Jahren, z.B. Reparaturen und Erneuerungen an Haus und Hof, die in den letzten Kriegsjahren nicht erledigt werden konnten. Was meine Arbeit in unserem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb anbelangte, mußte ich mich schon sehr umstellen. Ich hatte mich doch in den dreieinhalb Jahren meines Aufenthalts in Dampierre daran gewöhnt, in dem 100 ha großen Betrieb ständig mit Pferden zu arbeiten. In unserem 8 ha großen Betrieb wurde damals noch alles mit Kühen erledigt, bis dann ein paar Jahre später auch bei uns die Motorisierung Einzug hielt und das Leben in den landwirtschaftlichen Betrieben stark veränderte. Da ich auch ein begeisterter Fußballspieler war, hatte ich schnell wieder den Anschluß an meine Kameraden gefunden. Fast jeden Sonntag ging es mit der neugegründeten Fußballmannschaft zu irgendeinem Spiel in der Nachbarschaft.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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