(22) Erste private Besuche

Ende Mai 1957 war es dann soweit. Ich hatte Gertrud inzwischen geheiratet und war Vater von zwei Kindern. Gerhard war vier Jahre alt und Elisabeth ein Jahr. Mein Schwager Toni war bereit, mit mir eine Fahrt nach Frankreich zu unternehmen. Er war Elektriker und hatte mittlerweile ein Geschäft und ein Auto, mit dem man eine Fahrt riskieren konnte. Toni war ebenfalls in Frankreich in Gefangenschaft gewesen, und zwar in Toulouse, und konnte auch fließend französisch sprechen. Bei dieser Gelegenheit wollte er noch einmal zu seinem ehemaligen Arbeitgeber fahren und noch etwas weiter bis nach Lourdes. Also fuhren wir beide los Richtung Frankreich. Als wir kurz vor Dampierre ankamen, bekam ich plötzlich ein komisches Gefühl im Magen. Es waren mittlerweile fast neun Jahre vergangen seit meiner Heimkehr. Es mußte sich doch viel verändert haben in der Zeit. So war es dann auch. Die drei Jungen waren schon groß geworden und die Tochter Jacqueline hatte ich ja noch nie gesehen. Wir wurden sehr herzlich empfangen von Madame de Clerq, aber sie machte schon einen sehr kranken Eindruck. Von ihrer Schwägerin Madame Decocker erfuhren wir, daß sie an Krebs erkrankt war. Bei ihr übernachteten wir dann auch. Am nächsten Tag fuhren wir voller Eindrücke von Dampierre weiter nach Toulouse und Lourdes. Es wurde eine unvergeßliche Fahrt für uns beide. Ich war nicht überrascht, als Madame Decocker mir neun Monate später schrieb, daß Madame de Clerq an ihrem Krebsleiden verstorben sei. Sie starb am 14.2.1958 im Alter von 43 Jahren. Nun wurde es schlimm für die Kinder, vier Vollwaisen und ein großer Betrieb. Jacques war knapp 14, Hubert 12, Gervais 10 und Jacqueline noch keine 6 Jahre alt. Nun war zum großen Glück vis a vis der Betrieb von Madame Decocker, der Schwester unseres früheren Patron. Als ihre Tante hat sie sich nun der Kinder angenommen. Das war sicherlich nicht leicht für sie, aber sie hat alle vier Kinder zu ordentlichen Menschen erzogen. Ich habe von da an mit Madame Decocker noch viele Briefe gewechselt. Da mir auch die vier elternlosen Kinder sehr leid taten, habe ich ihnen öfters, vor allem zu Weihnachten, Päckchen mit Süßigkeiten geschickt. Sie waren sehr dankbar und fühlten sich sehr verbunden mit mir. Ein Zeichen dafür ist u.a., daß alle vier später ihre Hochzeitsreise zu uns nach Lutzerath unternommen haben. Nur diese freundschaftliche Verbundheit ermöglichte es mir später, viele Fahrten nach Dampierre sowie nach Givry en Argonne mit einzelnen Gruppen und Vereinen aus Lutzerath durchzuführen. Doch darüber werde ich später berichten. Durch die Päckchen, die die Kinder öfters von "Rudolf" erhielten, wurden sie sehr neugierig und wollten auch einmal zu uns nach Lutzerath kommen. Der Sohn von Madame Decocker, Astèr, damals 33 Jahre alt, hatte einen Citroen, eine große Limousine, in die er und die vier Kinder hineinpaßten. Nach mehreren Briefwechseln Ende Mai 1960 vereinbarten wir einen genauen Termin, um sie an der Grenze in Wasserbillig abzuholen. Es war damals alles noch nicht so einfach wie heute, aber es klappte hervorragend. Dieser erste Besuch in Lutzerath ist für sie alle unvergeßlich geblieben. Es war wohl mit das aufregendste Erlebnis in ihrem Leben. Es ist erstaunlich, wieviele Eindrücke von damals ihnen heute noch in Erinnerung sind. Zwei Jahre später fuhr ich dann mit mehreren Freunden nach Dampierre. Wieder war der Empfang sehr herzlich. Eine unvergeßliche Fahrt für mich fand dann im April 1964 statt. Zum ersten Mal konnte meine Frau mitfahren. Wir hatten mittlerweile drei Kinder, Elmar, der Jüngste, war jetzt vier Jahre alt. Wie das damals eben so war, mußte die Frau meistens mit den Kindern zu Hause bleiben. Nun aber fuhren wir mit der uns befreundeten Familie Laux für drei Tage nach Frankreich. Den ersten Tag verbrachten wir in Dampierre, dann ging es zum erstenmal bis nach Paris, natürlich mit Ersteigung des Eiffelturms. Wir waren sehr beeindruckt von der Größe der Stadt und ihren herrlichen Gebäuden. Unsere Fahrt ging dann noch weiter in die Normandie, nach Abbeville. Hier wohnte ein ehemaliger französischer Kriegsgefangener, der drei Jahre in Lutzerath in Gefangenschaft gewesen war. Die Überraschung für ihn war sehr groß, als plötzlich vier Lutzerather vor seiner Tür standen. Er freute sich so sehr, daß er sofort einen Tag Urlaub nahm und mit uns bis ans Meer fuhr. In den nun folgenden Jahren fanden öfters Besuche und Gegenbesuche innerhalb unserer Familien und Freunde statt, die zu einer Vertiefung unserer freundschaftlichen Beziehungen führten. So fuhren auch unsere Kinder mit nach Frankreich, wo sie dann zum Teil die Ferien verbrachten, um die französische Sprache näher kennenzulernen. Gerhard, damals 14 Jahre alt, verbrachte z.B. eine Woche bei Jacques und machte in dieser kurzen Zeit erhebliche Fortschritte in französisch, was ihm im Unterricht von Vorteil war. Elisabeth verbrachte mit 18 Jahren eine Erntesaison bei Jacques, und danach war sie im Französischunterricht mit Abstand die Beste. Es war für sie eine unvergeßlich schöne Zeit, an die sie heute noch gerne zurückdenkt. Ebenso wie ihr Vater hatte sie ihr Herz für Frankreich entdeckt. Sie hatte Freundschaft mit einem Mädchen aus Dampierre le Chateau geschlossen, die dann auch ihre Ferien bei uns verbrachte. In der Folgezeit konnte ich noch mehrere Brieffreundschaften und Bekanntschaften vermitteln, die zum Teil auch heute noch lebendig sind. Ich denke hierbei besonders an Anne, die älteste Tochter von Jacqueline, und Alexandra, die Enkelin meiner Schwester Hilde, die eine intensive Freundschaft verbindet. In sehr guter Erinnerung ist mir der 2. Juli 1967 geblieben. Jacques erschien mit einem vollbeladenen R4 bei uns in Lutzerath. Zum erstenmal war Christiane dabei, seine Frau, außerdem seine Cousine Denise, deren Tochter Catherine, und, was mich besonders freute, Madame Decocker, die Schwester unseres Bauern, die zum erstenmal, leider auch zum letzten Mal, bei uns in Lutzerath war. Ich habe ja bereits berichtet, daß sie in den Jahren nach dem Tode der Eltern die vier Kinder versorgt hat und immer den Briefkontakt zu mir aufrechterhalten und alle Neuigkeiten aus Dampierre mitgeteilt hat. An diesem 2. Juli wurde ich gerade 40 Jahre alt und Denise 39. Diese Geburtstage haben wir dann ausgiebig gefeiert. Mit dabei war auch die Familie Laux, die uns auch schon nach Frankreich begeleitet hatte. Im Laufe der Jahre wurde es wesentlich leichter, sich zu besuchen. Die Straßen wurden besser, es wurde die französiche Ost-Autobahn gebaut. Fast jeder hatte ein Auto, die Autos wurden moderner und immer schneller, dadurch benötigte man wesentlich weniger Zeit für die Fahrt. War es noch 1947 eine ganze Tagesreise von Dampierre bis Lutzerath, so konnte man diese Strecke mittlerweile in drei bis vier Stunden zurücklegen.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
Powered by New Hosting Internetservice