(23) 14. Juli 1973: Erste Fahrt mit Mitgliedern des Kirchenchores Lutzerath nach Givry en Argonne

Ich war seit 1967 Vorsitzender des Kirchenchores Lutzerath. Natürlich erzählte ich auch von unseren Begegnungen mit meinen französischen Freunden in der Champagne. Dies trieb die Neugier auf den Plan, und eines Tages wurde ich gebeten, doch mal eine Fahrt mit dem Kirchenchor nach Frankreich zu organisieren. Gesagt, getan. Es war allerdings gar nicht so einfach, in dieser Gegend so etwas zu organisieren. Es war ein rein ländliches Gebiet, in dem es kaum Übernachtungsmöglichkeiten gab. Ich mußte mich also an den nächsten größeren Ort, in dem es zumindest ein Hotel gab, wenden. Dieser Ort war Givry en Argonne. Er zählte ungefähr 600 Einwohner und lag 12 km von Dampierre entfernt. Es war das erste Mal, daß ich in diesen Ort kam. Bei meiner dreieinhalbjährigen Zeit als Kriegsgefangener hatte ich nie die Gelegenheit gehabt, bis zu diesem Ort zu gelangen. Das Hotel hatte aber nur 7 Zimmer zur Verfügung, so daß nur ein Teil der Leute dort unterkommen konnte. Ich setzte mich also mit der Familie de Clerq in Verbindung, um das Problem der fehlenden Übernachtungsmöglichkeiten zu lösen. Die Familie hatte sich mittlerweile stark vergrößert. Die vier Kinder hatten alle geheiratet und wohnten in der Gegend von Dampierre. Dazu kamen dann noch die Schwiegereltern, so daß schnell Übernachtungsmöglichkeiten für ca. 20 Personen angeboten werden konnten. Dies hat mich sehr gefreut, und unserer Fahrt stand nun nichts mehr im Wege. Am 14. Juli 1973 starteten wir zu unserer ersten größeren Fahrt in die Champagne, die für alle Teilnehmer zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden sollte. Für viele war es ja der erste Ausflug in ein anderes Land, und die vielen Eindrücke und Begegnungen in Frankreich sind ihnen bis zu heutigen Tag noch in voller Erinnerung. An diesem Morgen des 14. Juli fuhren wir mit 32 Mitgliedern des Kirchenchores in Lutzerath los. Bekanntlich ist der 14. Juli der französische Nationalfeiertag, und damit der höchste Feiertag der Franzosen. Schon morgens finden in den Städten Marschmusik und Paraden statt. Tagsüber und abends wird überall getanzt und gefeiert. An diesem Tag kann man so richtig Mentalität und Patriotismus der Franzosen erleben. Sie sind heute noch stolz auf ihre Revolution am 14. Juli 1792, die mit der Erstürmung der Bastille in Paris begann. Für viele Franzosen ist dieser Tag erst der eigentliche Beginn der französischen Geschichte, und die Parolen von damals, "Liberté - Egalité - Fraternité" ("Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit") sind auch heute noch auf jeder französischen Münze zu lesen. An diesem Feiertag kamen wir also so gegen 10.30 Uhr in St.Menehould an, dem Kreisstädtchen. Hier machten wir Rast und erwarteten Jacques, den ältesten Sohn der Familie de Clerq, der uns in die Champagne begleiten sollte. Das erste, was uns begegnete, war eine französische Blaskapelle mit ihrer Marschmusik. Nach der Begrüßung mit Jacques fuhren wir weiter über Reims nach Epernay. Hier konnten wir eine der dortigen großen Sektkellereien besichtigen, ein ganz besonderes Erlebnis. Dann ging es wieder zurück Richtung Dampierre le Chateau, wo ich dreieinhalb Jahre meiner Jugend verbracht hatte. Hier bewies sich nun die Freundschaft mit den dortigen Franzosen, von der ich öfter schon erzählt hatte. Es war an diesem Tag sehr heiß. Als wir nun in dem Hof des Betriebes Decocker - De Clerq ankamen, war dort schon eine große Tafel aufgebaut, auf der allerlei schön gekühlte Getränke für uns bereit standen. Die Überraschung war gelungen, mit so etwas hatte nicht einmal ich gerechnet. Voller Dankbarkeit stillten wir erst einmal unseren Durst und trugen dann unseren Gastgebern ein paar Lieder aus unserem Repertoire vor. Danach fuhren wir weiter nach Givry en Argonne. Wir sahen uns den Ort näher an. Er lag am Rande eines kleinen Sees, an dem es auch einen Campingplatz gab, also gab es hier auch schon etwas Tourismus. Nach dem Abendesses im Hotel setzten wir uns dort noch ins Lokal. Da nur ein Teil unserer Teilnehmer hier übernachten konnte, kamen die Angehörigen der Familien De Clerq aus den verschiedenen Orten und holten sich ihre Gäste zum Übernachten mit nach Hause. Zu später Stunde saßen wir noch mit sieben Paaren mit den anwesenden Franzosen im Lokal. Da am 14. Juli auch noch der Namenstag von "Heinz" ist, und wir zufällig vier Personen mit Namen Heinz dabeihatten, feierten wir auch ganz schön mit einigen Gläschchen Rotwein den Namenstag. Wie das bei Sängern ist, die etwas getrunken haben, wollten wir dann auch gerne singen. Uns fehlte allerdings noch der richtige Mut dazu. Wir wußten nicht, wie die Franzosen in diesem uns fremden Lokal auf unser deutsches Singen reagieren würden. Nach den nächsten Gläschen Wein riskierten wir es dann doch und sangen für die vier Namenstagskinder ein Ständchen. Die Überraschung folgte prompt. Begeistert klatschten die Franzosen Beifall. Jetzt war der Bann gebrochen. Wir kamen so richtig in Fahrt und sangen noch viele Lieder aus unserem Repertoire. Es entwickelte sich eine herzliche Atmosphäre in dem Lokal. Die Franzosen setzten sich zu uns an den Tisch, und mit viel "Kauderwelsch" zu beiden Seiten verging die Zeit bis zum Schlafengehen sehr schnell. Dies waren wohl die ersten Kontakte zwischen den Bewohnern der beiden Dörfer Givry en Argonne und Lutzerath. Viele weitere sollten noch folgen. Frohgelaunt und voller neu gewonnener Eindrücke traten wir am anderen Tag nach dem gemeinsamen Mittagessen im "Hotel L´Esperance" unsere Heimreise nach Lutzerath an.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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