(03) In Korlingen 03.01.1945 - 14.02.1945

In Korlingen bezogen wir Quartier für die nächsten fünf Wochen zur weiteren Ausbildung. Wir waren mit fünf Kameraden bei Frau Cili Hammes untergebracht. Ihr Mann war auch als Soldat an der Front. Sie hatte eine kleine Landwirtschaft mit ein paar Kühen zu versorgen. Wir halfen ihr schon mal ab und zu bei der Arbeit. Wir lebten uns schnell ein und hatten auch ein gutes Verhältnis zu den Dorfbewohnern, besonders zu den Bewohnern der Korlinger Mühle. Sie waren mit unserer Quartiersfrau verwandt. So kam es, daß wir abends nach Dienstschluß öfter runter zur Mühle zogen, um u.a. auch den guten "Viez" (Apfelwein) zu probieren. Die Tochter des Hauses hieß Inge und war damals 13 Jahre alt. Mit ihr verbindet uns bis heute ein reger freundschaftlicher Kontakt. Es war an sich für uns eine recht schöne Zeit in Korlingen, wenn es nicht gerade so kalt gewesen wäre im Januar 1945. Korlingen liegt 11 km südlich von Trier. Fast alle Zivilisten waren damals aus Trier evakuiert worden. Wir wußten, daß es dort große Weinkellereien gab, die jetzt leerstanden. Ich weiß nicht, wer die Idee hatte, aber plötzlich hieß es, wir gehen in der Nacht nach Trier um Wein zu holen. Wir marschierten abends nach Dienstschluß mit vier Mann los und kamen gut zwei Stunden später in Trier an. Nach einigem Suchen dort fanden wir auch einen Weinkeller und versorgten uns mit Flaschen. Was wir aber nicht bedacht hatten, war die Tatsache, daß Trier bereits von der Artillerie beschossen wurde. So mußten wir höllisch aufpassen, daß wir wieder heil rauskamen. Unser Unternehmen war purer Leichtsinn gewesen, sich in solche Gefahr zu begeben wegen ein paar Flaschen Wein. Aber es ging gut, und gegen Morgen trafen wir sehr ermüdet wieder in Korlingen ein. Die nächsten Wochen verbrachten wir mit weiterer Ausbildung, das heißt, wenn das Wetter es erlaubte. Bei klarem Wetter mußten wir ständig in Deckung gehen wegen der feindlichen Jagdbomber. Am 14. Februar kam dann der Tag, an dem wir an die Front sollten. In "Gutweiler" bei Korlingen fanden wir uns alle in der Kirche ein, wo wir die Generalabsolution erhielten. Es war für uns ein komisches Gefühl. Wir wußten, jetzt wird´s ernst. Am anderen Tag marschierten wir dann los und nahmen Abschied von Korlingen. Zunächst ging es nach Trier-Pallien, wo sehr große Luftschutzbunker in den Berg eingebaut waren, in die eine ganze Kompanie paßte. Die nächsten Tage verbrachten wir dort. Als ich draußen einmal Wache stand, hatte ich Gelegenheit, mit zwei Frauen ins Gespräch zu kommen, die vorübergehend direkt im Haus neben dem Bunker wohnten. Ich sagte ihnen, daß ich aus Lutzerath stammen würde. Sie kannten meinen Heimatort und sagten mir, sie müßten nach Bad Bertrich reisen, und bei dieser Gelegenheit auch nach Lutzerath wegen der Beschaffung von Lebensmittelkarten. Ich gab ihnen schnell einen Brief mit, mit der Bitte, ihn bei uns zu Hause abzugeben. Ich konnte nicht ahnen, daß meine Schwester Rosa sich daraufhin in große Gefahr begeben würde. Wir waren fünf Tage in Pallien, als wir zur Front abgestellt wurden. Wir wurden in mehrere Gruppen eingeteilt. Ein Teil meiner Gruppe kam direkt zum Einsatz nach Wolfsfeld in der Eifel. Sie gerieten schon am nächsten Tag in einen Artillerieangriff und die meisten mußten dabei ihr Leben lassen. Ich wurde mit anderen Kameraden in Konz eingesetzt. Hier war es noch relativ ruhig. Wir belegten einen leerstehenden Bunker direkt an der Saarmündung zur Mosel. Wir sollten die dortigen beiden Brücken bewachen, die nahe am Bunker über die Saar führten. Tagsüber konnten wir uns kaum nach draußen bewegen, da wir ständig mit Jabo-Angriffen rechnen mußten. Einmal wollten wir in einem nahegelegenen Garten etwas Rosenkohl besorgen. Wir kamen gerade noch dazu, ein paar Rosenkohlröschen abzubrechen, als auch schon wieder mal die Jabos angebraust kamen. Sofort wurden wir beschossen. Es gelang uns gerade noch, an der nahegelegenen Häuserwand Schutz zu suchen. Wir waren heilfroh, als wir wieder in unserem Bunker verschwinden konnten. Noch heute muß ich immer an diese Aktion denken, wenn ich irgendwo Rosenkohl stehen sehe. Einmal stand ich nachts auf Wache mit dem Soldaten Josef Zieglowski aus Danzig. Er wurde in Pallien unserer Gruppe zugeteilt. Wir standen in der Nähe der Brücken, als wir plötzlich ein kurzes Geräusch vernahmen, es kam von der Brücke her. Wir dachten, es könnten vielleicht Amerikaner sein. Angestrengt lauschten wir hin, und wieder war ein leises Knarren zu hören. Plötzlich sahen wir zwei Soldaten in der Nacht, die sich von der Brücke her auf unseren Bunker zu bewegten. Unsere Nerven waren aufs äußerste gespannt. Wir beschlossen, jeder für sich den Bunker zu umschleichen, um von zwei Seiten her die Gestalten zu fassen. Ich schlich also von der einen Seite um den Bunker und sah dann auch die Umrisse von zwei Gestalten, die nahe am Bunker kauerten. Was sollte ich tun? Wir hatten zwar früher öfters in der H.J. Geländespiele und "Räuber und Gendarm" gespielt, doch hier war es ernst. In Sekundenbruchteilen gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Meine Knie wurden doch etwas weich, als ich mit angelegtem Karabiner aufsprang und laut "Hände hoch!" rief. Die Überraschung war geglückt. Die beiden sprangen sofort auf und hoben ihre Hände hoch. Mittlerweile kam auch mein Kamerad von der anderen Seite des Bunkers. Wir brachten die beiden Fremden dann zu unserem Kompaniechef, der in einem anderen Bunker in der Nähe untergebracht war. Hier wurden sie dann verhört und abgeführt. Ich weiß letztlich nicht, wer diese beiden waren. Es könnten Deserteure gewesen sein. Ich war öfters mit dem Kameraden Josef aus Danzig auf Wache. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne im Alter von 5 und 3 Jahren. Einmal erzählte er mir im Vertrauen, daß er weder lesen noch schreiben könnte. Er bat mich, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Zuerst war ich sehr überrascht darüber, daß es Soldaten gab, die nicht lesen und schreiben konnten. Natürlich war ich sofort bereit, für ihn einen Brief zu schreiben. Ich nahm Bleistift und Briefpapier zur Hand und schrieb an seine Frau alles, was er mir diktierte. Dabei mußte ich unwillkürlich an einen Witz denken, in dem zwei Soldaten genau in derselben Lage waren wie wir beide. Der eine konnte auch nicht schreiben und bat seinen Freund, doch für ihn einen Brief an seine Frau zu schreiben. Der nahm auch Papier und Bleistift zur Hand und sagte dann: "So, diktier!" "Oh nein", sagte der andere, "Nicht ´Dick-Tier´ sondern ´Liebe Liese´!" Nach ein paar Tagen, am 25. Februar, hieß es, daß wir an die Front an der Kyll verlegt werden sollten. Dort war der Amerikaner schon weiter auf dem Vormarsch als an der Mosel bei Trier-Konz. Als es dunkel war, zogen wir los, über Trier-Ehrang-Zemmer bis nach Ohrenhofen. Wir kamen dabei auch an Trier-Pallien vorbei, dicht an dem Bunker und den Häusern, wo wir eine Woche zuvor stationiert gewesen waren. Wie konnte ich ahnen, daß genau zur gleichen Zeit, während wir an diesen Häusern vorbeimarschierten, meine Schwester Rosa oben am Fenster stand und unsere ganze Truppenbewegung beobachtete? Wenn ich auch hochgeschaut hätte, in der dunklen Nacht hätte ich sie sowieso nicht erkennen können. Erst ein paar Jahre später konnte sie mir erzählen, daß sie dort oben am Fenster stand und mich über die Umstände aufklären, wie sie dort hingekommen war. Ich habe ja berichtet, daß ich in Pallien zwei Frauen getroffen hatte, die nach Bad Bertrich und Lutzerath reisen mußten, und daß ich ihnen einen Brief für zu Hause mitgegeben hatte. Sie hatten den Brief tatsächlich bei mir zu Hause abgegeben. Daraufhin hatte wohl meine Schwester den spontanen Einfall, mich noch einmal wiederzusehen. Sie beschloß, mit den beiden Frauen zusammen den Weg bis nach Trier-Pallien zu wagen. Dies war ein riskantes und gefährliches Unternehmen. Es fuhr kein Postauto und keine Bahn mehr nach Trier. Sie konnten nur als "Anhalter" mit Militärfahrzeugen weiterkommen. Das war sehr gefährlich, da sie ja bekanntlich jederzeit mit Luftangriffen rechnen mußten. Trotz aller Hindernisse war es ihnen gelungen, heil in Trier-Pallien anzukommen. Leider war es jedoch schon zu spät. Als sie in unserem damaligen Bunker ankamen, erzählte man ihnen, daß wir schon seit fast einer Woche wieder weg wären, und zwar nach Konz. Meine Schwester war sehr enttäuscht. Die beiden Frauen nahmen sie in ihre Wohnung auf, wo sie übernachten konnte. Als sie dann nachts das Marschieren unten auf der Straße vernahm, spürte sie eine seltsame Unruhe in sich aufkommen. Von Schlafen war keine Rede mehr. Sie lehnte sich ans Fenster und sah nur hinab auf die Soldaten. Sie konnte ja nicht ahnen, daß ich auch dabei war. Der größte Hammer war dann wohl der, daß sie beschloß, am nächsten Tag den Weg bis nach Konz zu wagen, um mich dort zu finden. Die Front war ja schon sehr nahe, und dauernd erfolgten Luftangriffe auf alles, was sich bewegte. Nach vielem Hin und Her schaffte sie es tatsächlich, den Bunker zu finden, in dem ich kurz vorher noch einquartiert war. Nun war die Enttäuschung doppelt so groß. Was hatte sie nicht alles riskiert, um mich noch einmal zu sehen! Dazu gehörte schon eine starke Liebe und Verbundenheit zum Bruder. Ich habe ihr das nie vergessen und die starke Verbundenheit mit ihr bis heute bewahrt.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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