(04) An der Kyllfront 27.02.1945 - 04.03. 1945

Am Abend des 27. Februar kam der Befehl zum Einsatz an der Kyllfront. Wir waren zu dem Zeitpunkt in Ohrenhofen einquartiert. Wir zogen also los in Richtung Auw. Dort überquerten wir die Kyll an einem Waldhang in Richtung Idenheim. Auf freiem Feld angekommen, hieß es dann, Schützenlöcher ausgraben für je zwei Mann. Wir buddelten schnell im Schutze der Nacht unsere Löcher aus, denn am Tage konnte man sich wegen der feindlichen Flieger keine Bewegung erlauben. So erwarteten wir mit Unruhe und angespannten Sinnen den nächsten Tag. Es mag so gegen 10 Uhr gewesen sein, als wir plötzlich ein dumpfes Geräusch von Panzern hörten, die aus Richtung Dahlem auf uns zu kamen. Wir hofften nur, daß sie nicht direkt bis zu unseren Schützenlöchern rollen würden, denn dann hätten wir keine Chance gehabt. Mit unseren Waffen, MG und Karabiner, konnten wir gegen diesen Aufmarsch von Panzern nichts tun. Sie hätten uns wahrscheinlich in unseren kleinen Schützenlöchern zermahlen. Doch zu unserem Glück hielten sie ca . 150m vor uns an und richteten ihre Geschütze auf einen nahen Tannenwald ca. 500m von uns entfernt. Dort lag eine andere Gruppe unserer Kompanie, die die Amerikaner, als solche hatten wir sie jetzt erkannt, wohl erspäht hatten. Sofort erfolgte eine ohrenbetäubende Kanonade in diesen Wald, wohl eine halbe Stunde lang. Niemand aus dieser Gruppe kam lebend davon. Da das Gelände zwischen den Panzern und unserem Schützenloch etwas wellig war, nutzten wir die Gelegenheit für unseren Rückzug, den wir, auf dem Bauch robbend, von den Amerikanern unbemerkt durchführen konnten. Nach ca. 200m erreichten wir den bewaldeten Hang, der wieder in Richtung Kyll führte, nahe dem Dorf Auw. Hier konnten wir wieder aufatmen und dem Herrgott danken für das große Glück, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Nach und nach tauchten noch mehr Soldaten unserer Gruppe auf, denen es ähnlich erging wie uns. Wir wollten uns zurückziehen über Auw zum anderen Ufer der Kyll, aber vor dem Dorf standen schon die sogenannten "Kettenhunde" mit ihren Schildern auf der Brust und drohten jeden zu erschießen, der es wagen würde, die Kyll zu überqueren. So verbrachten wir nun die nächsten zwei Tage im bewaldeten Westhang der Kyll. Am ersten Tag war es verhältnismäßig ruhig. Die Amerikaner beschossen Auw auch mit Brandgranaten und wir sahen, daß einige Häuser in Flammen standen. Einmal kam ein einzelner amerikanischer Posten am oberen Waldrand dicht an uns vorbei. Er wäre für uns eine lebende Zielscheibe gewesen. Gott sei Dank gab unser Unteroffizier ein Zeichen, daß wir uns ruhig verhalten und nicht schießen sollten. Was hätte es auch genützt? Erstens hätten wir auf uns aufmerksam gemacht und zweitens hätten wir ohne Sinn das Leben dieses Soldaten auf unser Gewissen geladen. Am zweiten Tag setzte dann plötzlich starkes Artillerie-Feuer ein, und zwar von deutscher Artillerie. Sie beschossen den Westhang der Kyll, wohl in der Annahme, daß sich dort die Amerikaner befänden. So wurden sie zu einer großen Gefahr für uns. Ringsum flogen uns die Granatsplitter um die Ohren und wir wußten nicht mehr ein noch aus. In einer kurzen Feuerpause zogen wir uns weiter zurück zum unteren Hang nahe der Kyll, wo wir verhältnismäßig sicher waren. Allerdings kamen wir uns vor wie ein verlorener Haufen, über uns die Amerikaner und hinter uns die SS mit ihren Aufpassern. Die Verpflegung klappte auch nicht mehr, zudem war es auch recht kalt an diesen Tagen. Um unsere Uniform war es auch schlecht bestellt. Da wir erst im November 44 eingezogen worden waren, war wohl nicht mehr viel an Uniformen übrig und wir mußten das anziehen, was man uns hingeworfen hatte. Mein Schuhwerk z.B. bestand aus ein Paar Gummistiefeln mit Fußlappen, die ich während unserer Ausbildung in Korlingen von der Firma "Romika" bei Gusterath erhalten hatte. So hungrig und frierend war es wohl nicht mehr weit her mit der Moral, von wegen: für´s Vaterland zu kämpfen, zu siegen, zu sterben den Tod? Wir wußten schon, daß der Krieg verloren war und unser einzig Sinnen und Trachten war, lebend dieses alles noch zu überstehen und eines Tages heil in die Gefangenschaft zu kommen. Die meisten unserer Gruppe waren, wie ich selbst auch, gerade erst 17 Jahre alt, aber in diesen paar Tagen wurden wir alle viel reifer und älter und sahen alles, was uns in unserer Jugend eingetrichtert wurde, bedeutend kritischer. Endlich kam dann am dritten Tag die Nachricht, daß wir über die Kyll zurück und uns am diesseitigen Osthang neu einschanzen sollten. So mußten wir wieder mit je zwei Mann im Abstand von ca. 80-100m neue Schanzlöcher ausheben, was natürlich nur nachts geschehen konnte. Als wir am anderen Morgen zu unserem Nachbarposten mal hinschleichen wollten, war dort niemand mehr anzutreffen. Zu unserem Erstaunen aber lag dort ein amerikanischer Stahlhelm. Unser Posten war wohl abkassiert worden, und als besonderes Zeichen dafür hatten die Amerikaner wohl absichtlich ihren Stahlhelm dort hinterlassen. Tagsüber blieb es jedoch außer Artilleriefeuer und Jabos einigermaßen ruhig. Abends, so gegen 22 Uhr, kam dann endlich der Befehl zum weiteren Rückzug gegen Westen. Wir sammelten uns an einem zentralen Punkt, und mit den Versprengten anderer Einheiten waren wir auf ca. 30 Soldaten für den gemeinsamen Rückzug angewachsen. Wir waren etwa eine Stunde unterwegs, als wir in der Nähe des Dorfes "Hosten" ankamen. An einem Hohlweg machten wir halt. Ein Stoßtrupp sollte erkunden, ob die Amerikaner schon im Ort waren. Für uns war das eine willkommene Gelegenheit, uns an der Böschung des Hohlweges auszuruhen. Da wir alle ziemlich schwach waren nach den Strapazen der letzten Tage, ohne Essen und Schlaf, war es klar, daß wir sofort einschliefen. Ich vermute, daß ich eine knappe halbe Stunde geschlafen hatte, als ich plötzlich unsanft mit einem Gewehrkolben in die Rippen geweckt wurde. Vor mir stand ein großer Amerikaner, und auf "hands up" mußte ich schnell die Arme hochreißen.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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