(05) In Gefangenschaft 04. März 1945

Das also war der Moment meiner Gefangennahme. Tausend Gedanken wirbelten mir duch den Kopf. Einerseits war ich sehr erleichtert. Ich wußte, "du hast es geschafft und bist lebend in Gefangenschaft gekommen!" Wie es weitergehen würde, war mir in diesem Moment egal. Daß der Amerikaner mir meine Waffen abnahm und mich filzte und dabei auch meine persönlichen Sachen an sich nahm, registrierte ich nur so nebenbei, denn der ganze Hohlweg war umstellt von vielen Amerikanern, und im Weg selbst war ein Gewimmel, das ich in der Dunkelheit kaum unterscheiden konnte. Nach etwa einer halben Stunde trat ich dann meinen ersten Marsch als Gefangener nach Hosten an. Im Ort angekommen, mußten wir alle in die dortige Kirche. Hier waren schon fast alle Bänke gefüllt mit deutschen Gefangenen. Wir mußten auch dazu. Die Amerikaner mit angelegten Gewehren hinter uns wissend, mußten wir, die Hände über dem Kopf zusammen, die Nacht in dieser Kirche verbringen. Von weiterem Schlaf konnte keine Rede mehr sein, zu stark liefen die Ereignisse der letzten Tage an mir vorüber. Außerdem hatten wir auch Angst, die Hände vom Kopf fallen zu lassen, da man ja nicht wissen konnte, wie die Amerikaner reagieren würden. Am anderen Morgen ging es dann los Richtung Westen. Unterwegs wurde der Gefangenentransport immer größer. Aus allen Ecken kamen neue Gefangene hinzu. Unser Gefangenenzug marschierte durch Welchbillig über Helenberg weiter durch Luxemburg bis nach Arlon in Belgien. Zwischendurch machten wir in den schnell geschaffenen Stacheldrahtlagern halt. Ab und zu gab es etwas Verpflegung, damit wir überhaupt die Kraft hatten, tagelang zu "marschieren". In Arlon angekommen, mußten wir dann durch die Stadt, zum sogenannten "Siegeszug" der Amerikaner und zur "Demonstration" der Niederlage der deutschen Wehrmacht, marschieren. Es wurde zu einem Spießrutenlauf für uns. Wir mußten wüste Beschimpfungen, Drohgebärden und Steinwürfe über uns ergehen lassen. Aber wir haben es überstanden. Noch am selben Tag wurden wir dann in geschlossene Waggons verladen, je 50 bis 60 Gefangene in einen Waggon. An der Schiebetür stand ein Karton, der pro Mann eine Tafel Schokolade enthielt, und ein leerer Kübel. Er sollte uns wohl als WC dienen. Dann wurden die Türen von außen verschlossen, und ab ging es Richtung Südwesten. Das konnten wir aber nur in etwa feststellen, durch die kleinen Lüftungsluken an den Seiten. So sind wir später dann auch in dem bekannten Durchgangslager "Stenay" angekommen. Hier wurden wir alle einzeln streng verhört und anschließend, je nach Vergangenheit, in verschiedene Gruppen getrennt. Wer bei der SS war, wurde sofort separiert. Der Amerikaner, der mich ausfragte, war ein Jude und sprach gut deutsch. Einmal wurde es mir doch bang ums Herz, als er mein Soldbuch las und sah, daß da "Zweitschrift" drinstand. Das kam ihm wohl verdächtig vor, noch so jung, und dann schon das zweite Soldbuch. Ich versuchte ihm zu erklären, daß es mit unserem Nachschub bei einem Bombenangriff verloren gegangen war. Zu allem Überfluß hatte ich auch noch ein Photo dabei, das mich in voller HJ-Uniform zeigte. Ich hätte es wohl besser weggeworfen. Er betrachtete das Photo und sagte: "Aha, hier steht er ja in voller Uniform!" Ich sagte ihm, daß ich mir dabei nichts gedacht hätte, sonst hätte ich es ja wohl längst verschwinden lassen. Er schaute mich prüfend an und meinte dann: "Na ja, dann gehen Sie mal wieder zu Ihren Kameraden", was ich mit großer Erleichterung auch sehr schnell tat. Wir blieben einen Tag und eine Nacht in Stenay. Dann wurden wir wieder in Waggons verfrachtet, ähnlich wie in Arlon. Diesmal dauerte die Reise länger. Wir fuhren den ganzen Tag Richtung Westen, bis wir zu dem großen Gefangenenlager "Maille le Camp" kamen, wo ca. 20000 Gefangene untergebracht waren. Dieses Lager befand sich in der Champagne, ca. 35km südlich von Chalons-sur-Marne. Wir waren heilfroh, dort angekommen zu sein, denn wir wären unterwegs fast verdurstet. Auch ein miserabler Gestank war im Waggon, da ja statt einer Toilette nur ein Eimer vorhanden war. Zu allem Überfluß sahen wir alle aus wie die Chinesen, gelb von unten bis oben. In dem Waggon muß wohl vorher Schwefel gewesen sein. Im Lager waren Zelte mit Strohlagern vorhanden, nur Decken gab es keine. Wir haben versucht, zu zweit zusammen zu schlafen, und dabei einen Mantel als Unterlage und den anderen zum Zudecken zu benutzen. Zum Glück war der März 1945 ein relativ schöner, warmer März, so daß wir uns tagsüber schon draußen in der Sonne aufhalten konnten. Die Verpflegung reichte gerade aus, daß man sich am Leben erhalten konnte. Was man aß, brauchte der Körper auf, so daß man höchstens ein- bis zweimal pro Woche zur Toilette gehen mußte. Als "Eßgeschirr" erhielt jeder Gefangene eine Blechbüchse von 3/4l und einen Löffel. Eine Gabel oder gar ein Messer gab es nicht, es wäre zu gefährlich gewesen. Mit diesen Blechdosen mußten wir nun zweimal täglich zum Essensempfang antreten. Es war schon ein komisches Bild: die lange Warteschlange, und jeder hatte seine Blechbüchse in der Hand. Daher kam auch der Name "Blechbüchsenarmee". Was sich auch noch sehr unangenehm entwickelte, war der Umstand, daß wir es plötzlich alle mit Kleiderläusen zu tun hatten. Die müssen sich wohl in dem Strohlager aufgehalten haben. Das war eine Juckerei! Zum Glück war es in den Mittagsstunden so warm, daß wir unsere Hemden ausziehen und in die Sonne legen konnten. Hier krochen sie dann aus allen Nähten, man konnte fast glauben, das Hemd würde sich bewegen. Um dem Übel abzuhelfen, mußten wir öfters zur sogenannten "Entlausung" antreten. Dabei mußten wir Hemd und Hose öffnen und der Sanitäter "bestäubte" uns mit einer großen Bestäubungspumpe. Schon nach kurzer Zeit blühte im Lager der Schwarzhandel. Als Währung zählten nur Zigaretten. Gegen Zigaretten wurde fast alles verschachert, was an Wertgegenständen noch vorhanden war: Uhren, Ringe, und manchmal waren auch Trauringe dabei. Für mich war das damals unverständlich, daß man für die Sucht des Rauchens fast alles hergeben konnte, was einem lieb und teuer war. Ich war knapp vier Wochen im Lager "Maille le Camp", als wir alle zusammen antreten mußten. Es ging das Gerücht herum, daß ein Teil zu den Franzosen kommen sollte. Wie ich später erfuhr, waren es insgesamt 500000 Gefangene, die von den Amerikanern an die Franzosen zur "Wiedergutmachung" übergeben wurden. So sortierte man auch uns. Die Älteren und diejenigen von den Jüngeren, die sehr schwach waren, konnten dort bleiben, und wurden zum Teil bald darauf auch schon entlassen. Obwohl ich mit meinen 17 Jahren einer der Jüngsten war, wurde ich mit zu den Franzosen übergeben, wahrscheinlich, weil ich noch zu kräftig war.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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