(06) Das Kloster Lachalade

So wurden wir nun am 5.April wieder in Waggons verladen, diesmal in Richtung Argonnen. Unser Zug fuhr bis "Vienne le Chateau", dort wurden wir von den Franzosen übernommen. Von hier aus ging es dann zu Fuß bis nach "Lachalade", ein altes Kloster im Argonnerwald. Während der französichen Revolution zerstört, wurde es später etwas renoviert. Im ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 hatte es als Munitionslager gedient, und nun, 1945, wurde es als unser Gefangenenlager genutzt. Wir waren mit ca. 120 Mann hier angekommen. Das Lagerleben gestaltete sich völlig anders als in Maille le Camp. Täglich wurden Arbeitskommandos aufgestellt, zum Holzhauen im Argonnerwald. Zum Lohn dafür gab es abends dann eine Kartoffel für die, die den ganzen Tag im Wald gearbeitet hatten. Die Verpflegung im Lager war sehr miserabel, "Wassersuppe in Kohlrüben". Bei den Amerikanern war das Essen schon sehr knapp gewesen, aber hier war es noch schlimmer. Am ersten und zweiten Tag wollten wir die Suppe kaum essen, aber dann mußten wir es schließlich, wenn wir nicht verhungern wollten. So kam es auch, daß wir alles Eßbare suchten, was irgendwie zu finden war. Unsere Wachmannschaft z.B. hatte besseres Essen und warf die Abfälle zum Teil auf einen Haufen in der Ecke des Lagers. Fanden sich dort grüne Kohlblätter oder sonst etwas an Eßbarem, so war es schnell verschwunden. Auch der junge grüne Rasen im April war schnell weg. So kam es wohl auch, daß mehrere an der Rur erkrankten und starben. In dieser Situation kamen nun französische Soldaten und warben für die "Fremdenlegion". Sie versprachen uns das Blaue vom Himmel, vor allem gutes Essen, was bei unseren hungrigen Mägen ja am meisten zog. Es haben sich daraufhin auch mehrere gemeldet und unterschrieben. Sie kamen sofort weg, und wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Da wir uns in einer ländlichen Gegend befanden, und wir ja hier für die Franzosen arbeiten sollten, kamen auch die Bauern aus der Umgebung zu unserem Lager, um sich hier ihre Gefangenen als Landarbeiter abzuholen. Wir mußten dann jedesmal antreten. Ließen die Bauern dann durch einen Dolmetscher fragen, wer Landwirt sei, meldeten sich immer alle. Jeder wollte nur raus aus diesem Lager. Einige wurden aber nach ein paar Tagen wieder zurückgebracht, weil sie keine Ahnung von der Landwirtschaft hatten. Am Vormittag des 14. April mußten wir wieder antreten. Diesmal suchte ein Bauer einen "Melker" für seinen Betrieb. Ich erkannte meine Chance und habe mich sofort gemeldet, da ich gut melken konnte. Als der Bauer sah, daß ich mich meldete, musterte er mich kurz und sagte dann: "Den nehme ich." Diese Entscheidung sollte für mein weiteres Leben von großer Bedeutung werden. Da der Bauer auch noch einen Gefangenen für den Ackerbau suchte, meldete sich ein Eduard Lorang aus Binningen, mit dem ich im Lager Kontakt bekommen hatte. Für einen anderen Betrieb im Ort wurde ein dritter Gefangener ausgesucht. Sogleich durften wir unsere wenigen Sachen packen, und los ging´s. Wir durften in eine große Limousine einsteigen. Der Fahrer des Wagens, so erfuhr ich später, war der Nachbar des Bauern und der Bürgermeister unseres Zielortes.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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