(07) Dampierre le Chateau

Nach ca. 35 km Fahrt kamen wir in Dampierre le Chateau an, einem Ort am Anfang der Champagne mit ca. 180 Einwohnern. Es waren zwölf landwirtschaftliche Betriebe in diesem Ort. Darüberhinaus gab es Schule, Post, zwei Geschäfte und Gaststätten. Im Ort wohnten auch viele Arbeiter, die in den Betrieben ihr Brot verdienten. Die Durchschnittsgröße der Betriebe lag bei 100 ha, für uns kleine Eifelbauern eine fast unvorstellbare Größe. Wir stiegen direkt vor dem Betrieb unseres Bauern aus. Er hieß "Gaston de Clerq", war ein Flame, und konnte sich durch sein Flämisch mit uns verständigen. Neben ihm stand Monsieur Andrè Boivin, der Nachbar und Bürgermeister. Dann kam noch ein Monsieur Jeansson hinzu, der ja auch einen "Prisonnier de Guerre" erhalten sollte. Wie ich erst später erfuhr, haben die drei sich unterhalten, wer nun zu wem kommen sollte. Monsieur Jeansson wollte doch lieber den Ältesten von uns dreien nehmen. Er hatte drei Töchter um die zwanzig zu Hause, und es schien ihm wohl zu gefährlich, einen jungen Kriegsgefangenen zu sich zu nehmen. So kamen also Eduard und ich zu der Ferme "Le Clerq". Die Gebäude befanden sich in einem relativ guten Zustand. Der Betrieb war 1925 nach einem Brand neu erbaut worden. Nun lernten wir auch Madame de Clerq und ihre beiden kleinen Söhne kennen. Jacques war zwei Jahre alt und Hubert drei Monate. Madame de Clerq wies uns unsere Kammer an, die genau zwischen Pferdestall und Kuhstall lag. Wir konnten damals nicht ahnen, daß dies für dreieinhalb Jahre unsere Behausung werden sollte. In der Kammer standen zwei französische Betten, 1,40m breit. Es war aber nur ein Bett mit zwei Bettlaken versehen, wir sollten also zusammen in einem Bett liegen. Da uns dies aber nicht besonders behagte, und die beiden Laken sehr groß und breit waren, rollte sich jeder kurzerhand in ein Laken ein. Das ging ganz gut. Im Rhytmus von drei Wochen wechselte die Madame unsere Bettücher aus. War das ein Gefühl in der ersten Nacht, etwas mehr Freiheit zu genießen und nicht mehr nur den Stacheldraht anschauen zu müssen! Der normale Tagesablauf in der Ferme begann für uns morgens um 5 Uhr. Eduard mußte die Pferde füttern, insgesamt 12 Stück, und ich mußte 11 Kühe melken. Da ich anfangs sehr schwach war nach dem Lagerleben (ich wog keine 50kg mehr), fiel mir das Melken schwer. Ich brauchte länger als zwei Stunden, und die Bäuerin mußte mir öfters helfen. Aber ich hatte mir im Lager vorgenommen, zu einem Bauern zu kommen. Ich dachte mir, "wo es Milch gibt, da kannst Du nicht mehr verhungern". In der ersten Zeit nutzte ich auch diesen Vorteil intensiv. Jedesmal, wenn der erste Liter Milch im Eimer war, setzte ich ihn auf den Mund und trank einen kräftigen Schluck. So kam ich doch schnell wieder zu Kräften. Während ich also mit Melken beschäftigt war, fütterte Eduard mit Hilfe von Paul Royer, einem Arbeiter aus dem Ort, die Pferde. Nach 7 Uhr gab es dann Frühstück. Anschließend mußte Eduard mit den Pferden aufs Feld und ich mußte, je nach Jahreszeit, die Kühe füttern oder auf die Weide bringen. Danach wurde ich auch zur Feldarbeit eingesetzt. Pünktlich um 11.15Uhr hieß es dann: "a la soupe!", zum Mittagessen. Das bedeutete, daß alle Gespanne, egal wo und was sie arbeiteten, dann wieder zu Hause im Betrieb sein mußten. Es waren meistens drei Gespanne mit je drei Pferden unterwegs. Die Pferde wurden schnell gefüttert, und dann war Ruhe bis 13 Uhr. Mit unserem Essen waren wir meistens so um 12 Uhr fertig und konnten uns dann auch bis 13 Uhr in unsere Kammer zurückziehen. Das war für uns beide ein großes Glück, denn wir waren anfangs ja so schwach, daß wir nach 5 Minuten schon fest einschliefen, und um 13 Uhr aus unserem Schlaf wieder wachgerüttelt werden mußten. Am Nachmittag ging es dann wieder aufs Feld, bis ca. 17.30 Uhr. Ich mußte schon früher nach Hause, weil ich die Kühe zu melken hatte. Je nach Saison wurde dann zwischen 18 und 19 Uhr zum Abendessen gerufen, und unser Arbeitstag war dann zu Ende. Das Essen war übrigens sehr gut und reichlich. Unser "Patron", wie man den Bauern in Frankreich nannte, animierte uns immer zum Essen und meinte, wer viel arbeitet, sollte auch viel essen. Hätten wir beide anfangs allerdings entsprechend unserem riesigen Hunger gegessen, so wäre für die anderen am Tisch wohl nicht mehr viel übriggeblieben. Daher waren wir beide in der ersten Zeit auch viel "Selbstversorger". Zum einen gab es ja genügend Milch auf dem Hof, und zum andern liefen überall in Scheune und Stallungen Hühner herum, so daß wir manchmal Nester mit über 20 Eiern finden konnten. Dann waren jedesmal ein paar Eier dran, die wir roh "schlauchten", den Rest brachten wir in die Küche. Eine der schlimmsten und schwersten Arbeiten auf dem Hof hatten wir bereits in den ersten Tagen zu überstehen. Bei unserer Ankunft hatten wir einen sehr großen Haufen Mist vor der Scheune liegen sehen. Der sollte nun ausgefahren werden. Es gab damals noch keine "Frontlader". So mußten also Eduard und ich zwei volle Tage auf dem Misthaufen stehen und Mist laden. Gefahren wurde wieder mit drei Gespannen. Eins war immer unterwegs zum Feld, ein zweites lud den Mist dort ab und ein drittes (unseres) stand immer wieder im Hof zum Beladenwerden. Nach zwei Tagen hatten wir beide die Hände so voller Schwielen, daß wir kaum noch einen Stiel ohne Taschentuch anfassen konnten. Auch das Melken fiel mir sehr schwer, und Bauer und Bäuerin mußten mit eingreifen.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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