(08) Die Arbeit mit den Pferden

Das Arbeiten mit den Pferden war für mich anfangs auch ungewohnt. Zu Hause hatten wir nur Kühe gehabt. Erschwerend kam hinzu, daß wir die französischen Kommandos erst lernen mußten, "ohioho" bedeutete rechts, "doc" links. Außerdem hatte unser Bauer, der Flame war und aus Belgien stammte, eine ganz andere Methode im Umgang mit den Pferden als die Franzosen. Diese fuhren auf ihren Einachskarren mit hohen Rädern und spannten bei Bedarf noch zwei bis drei Pferde davor. Unser Bauer spannte jedoch meistens drei Pferde nebeneinander. Das linke war immer das Leitpferd. Nur das Leitpferd war mit einer einfachen Leine verbunden (keine Doppelleine). Die Pferde wurden alle mit "Candarre" gefahren, d.h. daß den Pferden das Maul zuging und es sehr weh tat, wenn man an der Leine zog. Das zweite Pferd war dann mit dem Zügel am Strang des ersten Pferdes festgebunden, und das dritte am Strang des zweiten. Wollte also das zweite oder dritte Pferd schneller sein als das Leitpferd, zog es sich sofort die Candarre zu. Ich möchte noch etwas mehr auf die Zweiachswagen unseres Bauern eingehen. Es waren schwere Holzwagen mit großen Speichenrädern, die ich sonst bei keinem Bauern in Dampierre gesehen habe. Er hatte sie aus Belgien hergeschafft. Das Kuriose an diesen Wagen war, daß sie nur eine kurze Deichsel von 1,50m hatten mit einem kräftigen Haltegriff, vorne mit einem starken Haken versehen, wo man eine Dreispänner-Waage anhängen konnte. Daran wurden die Sielscheide angehängt, um die Pferde anzuspannen. Die Pferde waren also nicht in der Lage, den Wagen bei einem nur kleinen Gefälle zurückzuhalten. Daher mußte immer auf Zug gefahren werden, das heißt, daß der Lenker immer eine Hand an der Bremse haben mußte. Die Franzosen nennen das "Mecanique". Als ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, dachte ich gleich an unsere "Kanik" zu Hause, die wir ja auch an unseren Holzwagen hatten, das Wort stammt also aus dem französischen. Die Mecanique der Wagen unseres Bauern wirkte auch auf die Hinterräder, sie war aber durch eine Stange mit vorne verbunden und gleich neben der Deichsel befestigt. Die Deichsel war stark und breit genug, daß man darauf sitzen konnte. So saß also der Lenker meist auf der kurzen Deichsel, die rechte Hand an der dünnen Leine und die linke immer griffbereit an der Bremse. Das war gar nicht so einfach und mußte erst gelernt werden. Wenn man nicht gut aufpaßte, lief der Wagen bei einem Gefälle den Pferden in die Beine. Dann fingen sie an zu laufen oder sie traten über die Stränge und das Chaos war perfekt. Besonders bei voll beladenem Erntewagen mußte man aufpassen, sonst konnte es passieren, daß die Garben auf der Straße lagen. Unser Hof hatte vor der Einfahrt ein heimtückisches Pflaster. Man mußte den kurzen Deichsel schon fest im Griff haben und genau zirkulieren, wenn man ohne anzustoßen in den Hof fahren wollte. Nach und nach haben auch wir es gelernt und es machte schon Spaß, mit den Pferden umzugehen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal mit drei Pferden eggen sollte. Der Bauer schickte mich aufs Feld und sagte, er käme nach. Ich kam auch gut zum Feld und begann zu eggen. Am Anfang klappte es ganz gut. Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich fingen die Pferde an zu laufen. Ich zog die Leine, weil ich sie zurückhalten wollte. Das war wohl mein Fehler. Das Leitpferd vor allem war nämlich so dressiert, daß es bei mehrmaligem kurzem ruckartigem Ziehen an der Leine nach rechts ging und die anderen Pferde nach rechts drückte. Wenn man aber einfach nur an der Leine zog, gingen die Pferde automatisch nach links. So geschah es dann auch in meinem Fall. Je mehr ich an der Leine zog und die Pferde zurückhalten wollte, desto entschlossener liefen sie nach links. Schließlich fuhr ich nur noch in einem Kreis, der immer enger und kleiner wurde, bis die Pferde in der eigenen Egge standen und sich dort verfingen. Nun war die Fahrt zu Ende! Nach einer Viertelstunde kam dann der Bauer und sah das Fiasko. Er hatte wohl Verständnis für meine Lage und schimpfte nicht sehr.




Inhalt




Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
Powered by New Hosting Internetservice