(09) Das Waschhaus

Wie bereits beschrieben, mußte ich jeden Morgen nach dem Melken die elf Kühe zur Weide bringen. Mein Weg führte durch die Dorfstraße mit einer schönen Pappelallee am Bach entlang. Wie das zur damaligen Zeit bei den Franzosen noch üblich war, standen an jedem Ort, durch den ein Bach lief, sogenannte "Waschhäuser". Man hatte einfach ein Holzgerüst in den Bach eingebaut, das Ganze überdacht, in der Mitte eine freie Fläche von ca. 2m Breite und 4m Länge gelassen und rundherum mit Bohlen zugeschlagen. Auf diesen Bohlen knieten nun die Frauen des Dorfes und spülten ihre Wäsche im durchfließenden Wasser. Daß hierbei natürlich immer viel geplappert und "getratscht" wurde, versteht sich von selbst. Es war die Nachrichtenzentrale des Ortes. Mein Weg mit den Kühen führte auch direkt an diesem Waschhaus vorbei. Ich hörte immer schon von weitem das Gerede und Gelächter der Waschfrauen. Wenn ich dann dicht an ihnen vorbeiging, wurden immer alle still und musterten mich sehr kritisch. Ich war ja ein Neuer in ihrem Ort, und zudem noch ein deutscher Kriegsgefangener. In der ersten Zeit war ich immer froh, wenn ich an diesem Waschhaus vorbei war. Aber allmählich gewöhnten sie sich an meinen Anblick, und auch ich wurde etwas freier. Ich hatte in der Zwischenzeit auch schon ein paar Worte französisch gelernt. Jedenfalls konnte ich schon "Bonjour Madame" im Vorbeigehen sagen, und sie antworteten dann auch "Bonjour Monsieur". Als ich etwa zwei bis drei Wochen später wieder mit meinen Kühen am Waschhaus vorbeiging, befand sich nur eine einzige Frau dort. Ich sagte wieder "Bonjour Madame" und sie antwortete freundlich "Bonjour Monsieur". Ich wollte dann eben auch nett sein und ein paar Worte mit der Frau reden. Ich glaubte, daß mein französisch dafür schon reichen würde. Aus Verlegenheit wollte ich ihr sagen, daß sie ja schon beim Waschen sei. Ich begann also: "Madame, vous...vous?", kam aber nicht weiter mit meinem französisch, weil ich nicht wußte, was "waschen" heißt. Also begann ich nochmal und sagte freundlich. "Madame, vous wasch?" Sofort änderte sich ihre Miene und sie begann zu schimpfen, was ich natürlich nicht verstand. Mir war aber klar, daß ich etwas falsch gemacht hatte. Ich zog mit meinen Kühen davon. Mittlerweile hatte ich mir ein Wörterbuch deutsch-französisch besorgt. Bei meiner Rückkehr von der Weide wollte ich wissen, was ich falsch gemacht hatte. Ich fand dann auch heraus, daß "vache", gesprochen "wasch", auf französisch "Kuh" heißt. Ich hatte also zu der guten Frau praktisch gesagt: "Frau, Sie Kuh"! Nun konnte ich ihre Erregung gut verstehen. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte ich dieses peinliche Mißverständnis mit Madame "Marceau" in bestem Einvernehmen aufklären.




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Autor: Rudolf Schenk · Deutsche Überarbeitung: Elisabeth Spenke · Französische Überarbeitung: Edith Viriot
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