Vom Kriegsgefangenen zum Ehrenbürger
Rudolf Schenk


Inhaltsverzeichnis

(01) 1944
(02) 24. November 1944 Einberufung zur Wehrmacht
(03) In Korlingen 03.01.1945 - 14.02.1945
(04) An der Kyllfront 27.02.1945 - 04.03. 1945
(05) In Gefangenschaft 04. März 1945
(06) Das Kloster Lachalade
(07) Dampierre le Chateau
(08) Die Arbeit mit den Pferden
(09) Das Waschhaus
(10) Das Leben im Dorf
(11) Weihnachten 1945
(12) Madame Decocker
(13) Germaine
(14) Winter 1945/46
(15) Tauchabenteuer am Waschhaus
(16) Hornissenabenteuer
(17) Das Kutscherpferd Kokotte
(18) 1946/47
(19) Als Zivilarbeiter
(20) Freiwillige Aufenthaltsverlagerung
(21) Meine Kontakte nach Frankreich nach dem Ende der Kriegsgefangenschaft (nach 1948)
(22) Erste private Besuche
(23) 14. Juli 1973: Erste Fahrt mit Mitgliedern des Kirchenchores Lutzerath nach Givry en Argonne
(24) 24. - 25. Mai 1975: Erste offizielle Fahrt des Kirchenchores Lutzerath nach Givry en Argonne
(25) Weitere Besuche
(26) Samstag, 20. Juni 1981: Erste Partnerschaftsfeier in Lutzerath
(27) 26. - 27. Juni 1982: Partnerschaftsfeier in Givry en Argonne
(28) Weitere Treffen in den folgenden Jahren




(01) 1944
Der Zweite Weltkrieg dauerte nun schon fast fünf Jahre. Ich war 16 Jahre alt, als ich zum "Wehrertüchtigungslehrgang" nach Koblenz gerufen wurde. Dort sollten wir zwei Wochen lang "vormilitärische" Ausbildung erhalten. Unsere Kaserne lag auf dem Asterstein bei Koblenz. Hier wurden wir nun von morgens früh bis abends spät "gedrillt". Unsere Ausbilder machten sich wohl eine Freude daraus, uns Jungen so richtig durch die Mangel zu drehen. Wir sollten ja abgehärtet werden, um später bei der Wehrmacht brauchbar zu sein. Dies war nun in der Zeit von Mitte Juni bis Anfang Juli 1944. Drei Monate später, der Krieg ging allmählich in seine Endphase, wurde ich wieder "dienstverpflichtet". Diesmal wurden wir zum "Schanzen" eingesetzt, das hieß, wir mußten Gräben ausheben, um den feindlichen Panzern den Weg zu versperren. Unser Einsatzort war Wincheringen. Der Ort liegt diesseits der Mosel zwischen Trier und Perl. Auf der gegenüberliegenden Seite war ja schon Luxemburg. Auf diesen Moselhöhen waren wir nun drei Wochen lang damit beschäftigt, kilometerlange Panzergräben auszuheben, mit Kreuzhacke und Schaufel. Bei schlechtem und diesigem Wetter ging das noch einigermaßen. Wenn aber klares Wetter herrschte, war es eine ganz gefährliche Arbeit. Dann mußten wir ständig mit Jabo-Angriffen rechnen. Wir lagen dann oft in unseren selbstausgeworfenen Gräben und suchten Schutz vor den feindlichen Flugzeugen. Wir hatten auch öfters "Verluste" zu beklagen, was uns den Ernst der Lage vor Augen führte. Genutzt hat die ganze Aktion nicht viel. Den Amerikanern boten diese Gräben kein Hindernis. Mit ihren schweren Raupen hatten sie eins-zwei einen Übergang geschaffen. Nach drei Wochen "Schanzarbeit" wurde ich "Gott sei Dank" krank und konnte wieder nach Lutzerath heimkehren. Es war mittlerweile Anfang November. Die Amerikaner waren schon weit in Frankreich und Belgien vorgedrungen und die Lage spitzte sich zu. Ich war noch zwei Wochen zu Hause, als auch schon der "Stellungsbefehl" zur Wehrmacht eintraf.

(02) 24. November 1944 Einberufung zur Wehrmacht
Am 24. November 1944 war es also soweit. Ich wurde zur Wehrmacht eingezogen. An diesem Tag sollte ich mich in der "Gneisenaukaserne" in Koblenz melden. Zunächst ging es mit dem Postauto bis Cochem und mit der Bahn nach Koblenz. Unterwegs traf ich mehrere Jungen in meinem Alter, die auch dorthin mußten. Vom Bahnhof Koblenz ging es zu Fuß über den Rhein und den Berg hinauf zur Gneisenaukaserne. Hier wußte man zuerst gar nichts mit uns anzufangen. Man steckte uns zunächst einmal in die einzelnen Zimmer und überließ uns unserem Schicksal. Endlich, nach drei Tagen, wurden wir zum Antreten aufgefordert und registriert. Dann hat man uns nach typischer H.D.V.-Methode ("sitzt, paßt und hat Luft") die Militärklamotten hingeworfen. Nun waren wir auch "Soldaten in Uniform". Wir wurden zu den "80 n" einberufen, und zwar zur 4. Kompanie. Das war die "Maschinengewehrkompanie". Fünf Soldaten bildeten eine Gruppe. Der "Schütze 1" bediente das schwere Maschinengewehr, "Schütze 2" mußte die "Lafette" tragen und aufbauen. Das war der schwerste Posten der Gruppe. Die übrigen drei waren verantwortlich für die Munitionskästen. An diesen Waffen wurden wir nun ein paar Tage lang ausgebildet. Ich wurde als Schütze 1 nominiert und mußte also das MG tragen. Ein paar Tage später wurden wir schon in die "von Deines"-Kaserne nach Niederlahnstein verlegt. Da in dieser Zeit ständig starke Bombenangriffe über Koblenz und Umgebung erfolgten, mußten wir oft zu Aufräumarbeiten nach Koblenz. Von "Ausbildung" war nicht mehr die Rede. Eines Abends hieß es dann plötzlich "Antreten zum Abmarsch. Es sind nur Waffen und Tornister mitzunehmen. Alles andere wird vom Troß nachgebracht." Als junge Soldaten waren wir viel zu gutgläubig und harmlos. Wir ließen alle unsere Sachen zurück, unsere Zivilkleider und unsere persönlichen Dinge. Ich ließ sogar ein frischerhaltenes "Freßpaket" von zu Hause zurück, das mir Gustav Müllen am Tage vorher aus Lutzerath mitgebracht hatte. Er war damals Feldwebel in der gleichen Einheit und hatte daher schon mehr zu sagen als wir jungen Rekruten. (6 Jahre später wurde er mein Schwager). Wir marschierten also in der Nacht los, durch Koblenz bis nach Plaidt. In der Schule von Plaidt wurden wir dann für ein paar Tage einquartiert zur weiteren Ausbildung. Am 16. Dezember 1944 begann ja die bekannte "Ardennenoffensive" unter Generalfeldmarschall von Rundstedt. Als Nachschub zu dieser Offensive sollten wir auch mit eingesetzt werden, also ging es für uns in Richtung Westen. Vom Bahnhof "Urmitz" aus fuhren wir zunächst mit der Bahn bis zum "Ürziger Bahnhof". Hier legten wir wegen ständiger Jabo-Angriffe eine Pause ein. Wir durften uns zwei Stunden in den umliegenden Orten aufhalten. Da ich Verwandte im nahegelegenen "Hetzhof" hatte, konnte ich mich mit ihnen in Verbindung setzen. Ich hatte das Glück, daß meine Cousine Rosa aus Hetzhof mir ein Päckchen mit allerlei leckeren Sachen mitgeben konnte für unseren weiteren Marsch an die Front. Es war für mehrere Jahre der letzte Kontakt, den ich mit Angehörigen hatte. Gegen Abend ging es dann mit der Bahn weiter bis "Ehrang". Hier war Endstation. Von da ab ging es zu Fuß durch die Nacht in Richtung Westen, über Kordel, Welchbillig, Helenenburg bis nahe der luxemburgischen Grenze. Unser nächstes Ziel war "Dahnen", ein Ort nahe der Grenze. Der Westwall mit den Bunkern befand sich ganz in der Nähe. Hier wurden einige Gruppen unserer Kompanie untergebracht. Unsere Gruppe bezog Quartier im Ort Dahnen. Es war kurz vor Weihnachten. Der Ort war evakuiert worden, es befanden sich keine Zivilpersonen mehr dort, dafür herrschte reges militärisches Leben. Wir sahen erstmals auch die neuen Panzer, die "Tiger", von denen man sich vo viel versprochen hatte. Nur, sie standen da ohne Sprit. Mit dem Nachschub klappte es überhaupt nicht. Wie man später erfuhr, war die ganze Ardennenoffensive ein großer Fehlschlag gewesen. Der ungeheure Aufwand hatte sich nicht mehr gelohnt und zu riesigen Verlusten geführt. Eingesetzt waren insgesamt:
30 Divisionen mit insgesamt 250000 Mann
1900 Geschütze und 970 Panzer
1500 Flugzeuge (Jagdflugzeuge)
Die Verluste: über 100000 Mann und fast das ganze Militärmaterial Es war wohl das letzte große Aufbäumen der deutschen Wehrmacht vor der endgültigen Niederlage. Es kam der Heiligabend 1944, immer ein besonderer Tag in der Familie, der mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden ist. Wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsbaum leuchtete und Mutter die Stube so frisch mit Leinöl eingerieben hatte, das so einen eigenen Geruch verbreitete, dann war für uns Kinder Weihnachten. Das war nun der erste Heiligabend, den ich nicht zu Hause verbringen konnte. Wir waren mit sieben Soldaten in der Küche eines leerstehenden Hauses in Dahnen einquartiert. Wir wollten doch etwas Weihnachten feiern und waren mit Vorbereitungen beschäftigt, als plötzlich die Hölle losging. Ringsum fielen Bomben. Wir warfen uns alle in der Küche zu Boden und hoffen, daß wir nicht getroffen würden. Im Nu standen die Häuser um uns herum in Flammen. Da hatten wir unsere Weihnachtsbeleuchtung, nur hätten wir auf so eine gerne verzichtet. Fast die ganze Nacht verbrachten wir auf dem Küchenboden, weil immer wieder Jabos anflogen und bombardierten. Am nächsten Morgen sahen wir die Bescherung. Viele Häuser waren abgebrannt und mehrere unserer Kameraden mußten ihr Leben lassen. Sie wurden in der Kirche von Dahnen aufgebahrt und wir zogen schweigend an ihnen vorüber. Wir verbrachten noch ein paar Tage in Dahnen. Immer mehr Soldaten begegneten uns bei ihrem Rückzug von der Front. Am Silvesterabend hieß es dann auch für uns: "Antreten zum Rückmarsch!". Unser Weg führte über Neuerburg, Bitburg, Speicher, Zemmer, zuächst bis nach Schweich. Dort war eine große Entlausungsstelle eingerichtet. Da wir gerade in Schweich eine Pause einlegten, sollten wir auch alle zur Entlausung antreten. Ich hatte damals zwar noch keine Läuse, aber: mitgefangen, mitgehangen. Wir mußten unsere Kleider ausziehen, die dann in einem großen Kessel gekocht wurden. Anschließend wurden sie heiß getrocknet und nach ca. einer Stunde konnten wir sie wieder anziehen. Nach dieser Prozedur marschierten wir dann weiter durchs Ruwertal über Waldrach bis nach Korlingen.

(03) In Korlingen 03.01.1945 - 14.02.1945
In Korlingen bezogen wir Quartier für die nächsten fünf Wochen zur weiteren Ausbildung. Wir waren mit fünf Kameraden bei Frau Cili Hammes untergebracht. Ihr Mann war auch als Soldat an der Front. Sie hatte eine kleine Landwirtschaft mit ein paar Kühen zu versorgen. Wir halfen ihr schon mal ab und zu bei der Arbeit. Wir lebten uns schnell ein und hatten auch ein gutes Verhältnis zu den Dorfbewohnern, besonders zu den Bewohnern der Korlinger Mühle. Sie waren mit unserer Quartiersfrau verwandt. So kam es, daß wir abends nach Dienstschluß öfter runter zur Mühle zogen, um u.a. auch den guten "Viez" (Apfelwein) zu probieren. Die Tochter des Hauses hieß Inge und war damals 13 Jahre alt. Mit ihr verbindet uns bis heute ein reger freundschaftlicher Kontakt. Es war an sich für uns eine recht schöne Zeit in Korlingen, wenn es nicht gerade so kalt gewesen wäre im Januar 1945. Korlingen liegt 11 km südlich von Trier. Fast alle Zivilisten waren damals aus Trier evakuiert worden. Wir wußten, daß es dort große Weinkellereien gab, die jetzt leerstanden. Ich weiß nicht, wer die Idee hatte, aber plötzlich hieß es, wir gehen in der Nacht nach Trier um Wein zu holen. Wir marschierten abends nach Dienstschluß mit vier Mann los und kamen gut zwei Stunden später in Trier an. Nach einigem Suchen dort fanden wir auch einen Weinkeller und versorgten uns mit Flaschen. Was wir aber nicht bedacht hatten, war die Tatsache, daß Trier bereits von der Artillerie beschossen wurde. So mußten wir höllisch aufpassen, daß wir wieder heil rauskamen. Unser Unternehmen war purer Leichtsinn gewesen, sich in solche Gefahr zu begeben wegen ein paar Flaschen Wein. Aber es ging gut, und gegen Morgen trafen wir sehr ermüdet wieder in Korlingen ein. Die nächsten Wochen verbrachten wir mit weiterer Ausbildung, das heißt, wenn das Wetter es erlaubte. Bei klarem Wetter mußten wir ständig in Deckung gehen wegen der feindlichen Jagdbomber. Am 14. Februar kam dann der Tag, an dem wir an die Front sollten. In "Gutweiler" bei Korlingen fanden wir uns alle in der Kirche ein, wo wir die Generalabsolution erhielten. Es war für uns ein komisches Gefühl. Wir wußten, jetzt wird´s ernst. Am anderen Tag marschierten wir dann los und nahmen Abschied von Korlingen. Zunächst ging es nach Trier-Pallien, wo sehr große Luftschutzbunker in den Berg eingebaut waren, in die eine ganze Kompanie paßte. Die nächsten Tage verbrachten wir dort. Als ich draußen einmal Wache stand, hatte ich Gelegenheit, mit zwei Frauen ins Gespräch zu kommen, die vorübergehend direkt im Haus neben dem Bunker wohnten. Ich sagte ihnen, daß ich aus Lutzerath stammen würde. Sie kannten meinen Heimatort und sagten mir, sie müßten nach Bad Bertrich reisen, und bei dieser Gelegenheit auch nach Lutzerath wegen der Beschaffung von Lebensmittelkarten. Ich gab ihnen schnell einen Brief mit, mit der Bitte, ihn bei uns zu Hause abzugeben. Ich konnte nicht ahnen, daß meine Schwester Rosa sich daraufhin in große Gefahr begeben würde. Wir waren fünf Tage in Pallien, als wir zur Front abgestellt wurden. Wir wurden in mehrere Gruppen eingeteilt. Ein Teil meiner Gruppe kam direkt zum Einsatz nach Wolfsfeld in der Eifel. Sie gerieten schon am nächsten Tag in einen Artillerieangriff und die meisten mußten dabei ihr Leben lassen. Ich wurde mit anderen Kameraden in Konz eingesetzt. Hier war es noch relativ ruhig. Wir belegten einen leerstehenden Bunker direkt an der Saarmündung zur Mosel. Wir sollten die dortigen beiden Brücken bewachen, die nahe am Bunker über die Saar führten. Tagsüber konnten wir uns kaum nach draußen bewegen, da wir ständig mit Jabo-Angriffen rechnen mußten. Einmal wollten wir in einem nahegelegenen Garten etwas Rosenkohl besorgen. Wir kamen gerade noch dazu, ein paar Rosenkohlröschen abzubrechen, als auch schon wieder mal die Jabos angebraust kamen. Sofort wurden wir beschossen. Es gelang uns gerade noch, an der nahegelegenen Häuserwand Schutz zu suchen. Wir waren heilfroh, als wir wieder in unserem Bunker verschwinden konnten. Noch heute muß ich immer an diese Aktion denken, wenn ich irgendwo Rosenkohl stehen sehe. Einmal stand ich nachts auf Wache mit dem Soldaten Josef Zieglowski aus Danzig. Er wurde in Pallien unserer Gruppe zugeteilt. Wir standen in der Nähe der Brücken, als wir plötzlich ein kurzes Geräusch vernahmen, es kam von der Brücke her. Wir dachten, es könnten vielleicht Amerikaner sein. Angestrengt lauschten wir hin, und wieder war ein leises Knarren zu hören. Plötzlich sahen wir zwei Soldaten in der Nacht, die sich von der Brücke her auf unseren Bunker zu bewegten. Unsere Nerven waren aufs äußerste gespannt. Wir beschlossen, jeder für sich den Bunker zu umschleichen, um von zwei Seiten her die Gestalten zu fassen. Ich schlich also von der einen Seite um den Bunker und sah dann auch die Umrisse von zwei Gestalten, die nahe am Bunker kauerten. Was sollte ich tun? Wir hatten zwar früher öfters in der H.J. Geländespiele und "Räuber und Gendarm" gespielt, doch hier war es ernst. In Sekundenbruchteilen gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Meine Knie wurden doch etwas weich, als ich mit angelegtem Karabiner aufsprang und laut "Hände hoch!" rief. Die Überraschung war geglückt. Die beiden sprangen sofort auf und hoben ihre Hände hoch. Mittlerweile kam auch mein Kamerad von der anderen Seite des Bunkers. Wir brachten die beiden Fremden dann zu unserem Kompaniechef, der in einem anderen Bunker in der Nähe untergebracht war. Hier wurden sie dann verhört und abgeführt. Ich weiß letztlich nicht, wer diese beiden waren. Es könnten Deserteure gewesen sein. Ich war öfters mit dem Kameraden Josef aus Danzig auf Wache. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne im Alter von 5 und 3 Jahren. Einmal erzählte er mir im Vertrauen, daß er weder lesen noch schreiben könnte. Er bat mich, einen Brief an seine Frau zu schreiben. Zuerst war ich sehr überrascht darüber, daß es Soldaten gab, die nicht lesen und schreiben konnten. Natürlich war ich sofort bereit, für ihn einen Brief zu schreiben. Ich nahm Bleistift und Briefpapier zur Hand und schrieb an seine Frau alles, was er mir diktierte. Dabei mußte ich unwillkürlich an einen Witz denken, in dem zwei Soldaten genau in derselben Lage waren wie wir beide. Der eine konnte auch nicht schreiben und bat seinen Freund, doch für ihn einen Brief an seine Frau zu schreiben. Der nahm auch Papier und Bleistift zur Hand und sagte dann: "So, diktier!" "Oh nein", sagte der andere, "Nicht ´Dick-Tier´ sondern ´Liebe Liese´!" Nach ein paar Tagen, am 25. Februar, hieß es, daß wir an die Front an der Kyll verlegt werden sollten. Dort war der Amerikaner schon weiter auf dem Vormarsch als an der Mosel bei Trier-Konz. Als es dunkel war, zogen wir los, über Trier-Ehrang-Zemmer bis nach Ohrenhofen. Wir kamen dabei auch an Trier-Pallien vorbei, dicht an dem Bunker und den Häusern, wo wir eine Woche zuvor stationiert gewesen waren. Wie konnte ich ahnen, daß genau zur gleichen Zeit, während wir an diesen Häusern vorbeimarschierten, meine Schwester Rosa oben am Fenster stand und unsere ganze Truppenbewegung beobachtete? Wenn ich auch hochgeschaut hätte, in der dunklen Nacht hätte ich sie sowieso nicht erkennen können. Erst ein paar Jahre später konnte sie mir erzählen, daß sie dort oben am Fenster stand und mich über die Umstände aufklären, wie sie dort hingekommen war. Ich habe ja berichtet, daß ich in Pallien zwei Frauen getroffen hatte, die nach Bad Bertrich und Lutzerath reisen mußten, und daß ich ihnen einen Brief für zu Hause mitgegeben hatte. Sie hatten den Brief tatsächlich bei mir zu Hause abgegeben. Daraufhin hatte wohl meine Schwester den spontanen Einfall, mich noch einmal wiederzusehen. Sie beschloß, mit den beiden Frauen zusammen den Weg bis nach Trier-Pallien zu wagen. Dies war ein riskantes und gefährliches Unternehmen. Es fuhr kein Postauto und keine Bahn mehr nach Trier. Sie konnten nur als "Anhalter" mit Militärfahrzeugen weiterkommen. Das war sehr gefährlich, da sie ja bekanntlich jederzeit mit Luftangriffen rechnen mußten. Trotz aller Hindernisse war es ihnen gelungen, heil in Trier-Pallien anzukommen. Leider war es jedoch schon zu spät. Als sie in unserem damaligen Bunker ankamen, erzählte man ihnen, daß wir schon seit fast einer Woche wieder weg wären, und zwar nach Konz. Meine Schwester war sehr enttäuscht. Die beiden Frauen nahmen sie in ihre Wohnung auf, wo sie übernachten konnte. Als sie dann nachts das Marschieren unten auf der Straße vernahm, spürte sie eine seltsame Unruhe in sich aufkommen. Von Schlafen war keine Rede mehr. Sie lehnte sich ans Fenster und sah nur hinab auf die Soldaten. Sie konnte ja nicht ahnen, daß ich auch dabei war. Der größte Hammer war dann wohl der, daß sie beschloß, am nächsten Tag den Weg bis nach Konz zu wagen, um mich dort zu finden. Die Front war ja schon sehr nahe, und dauernd erfolgten Luftangriffe auf alles, was sich bewegte. Nach vielem Hin und Her schaffte sie es tatsächlich, den Bunker zu finden, in dem ich kurz vorher noch einquartiert war. Nun war die Enttäuschung doppelt so groß. Was hatte sie nicht alles riskiert, um mich noch einmal zu sehen! Dazu gehörte schon eine starke Liebe und Verbundenheit zum Bruder. Ich habe ihr das nie vergessen und die starke Verbundenheit mit ihr bis heute bewahrt.

(04) An der Kyllfront 27.02.1945 - 04.03. 1945
Am Abend des 27. Februar kam der Befehl zum Einsatz an der Kyllfront. Wir waren zu dem Zeitpunkt in Ohrenhofen einquartiert. Wir zogen also los in Richtung Auw. Dort überquerten wir die Kyll an einem Waldhang in Richtung Idenheim. Auf freiem Feld angekommen, hieß es dann, Schützenlöcher ausgraben für je zwei Mann. Wir buddelten schnell im Schutze der Nacht unsere Löcher aus, denn am Tage konnte man sich wegen der feindlichen Flieger keine Bewegung erlauben. So erwarteten wir mit Unruhe und angespannten Sinnen den nächsten Tag. Es mag so gegen 10 Uhr gewesen sein, als wir plötzlich ein dumpfes Geräusch von Panzern hörten, die aus Richtung Dahlem auf uns zu kamen. Wir hofften nur, daß sie nicht direkt bis zu unseren Schützenlöchern rollen würden, denn dann hätten wir keine Chance gehabt. Mit unseren Waffen, MG und Karabiner, konnten wir gegen diesen Aufmarsch von Panzern nichts tun. Sie hätten uns wahrscheinlich in unseren kleinen Schützenlöchern zermahlen. Doch zu unserem Glück hielten sie ca . 150m vor uns an und richteten ihre Geschütze auf einen nahen Tannenwald ca. 500m von uns entfernt. Dort lag eine andere Gruppe unserer Kompanie, die die Amerikaner, als solche hatten wir sie jetzt erkannt, wohl erspäht hatten. Sofort erfolgte eine ohrenbetäubende Kanonade in diesen Wald, wohl eine halbe Stunde lang. Niemand aus dieser Gruppe kam lebend davon. Da das Gelände zwischen den Panzern und unserem Schützenloch etwas wellig war, nutzten wir die Gelegenheit für unseren Rückzug, den wir, auf dem Bauch robbend, von den Amerikanern unbemerkt durchführen konnten. Nach ca. 200m erreichten wir den bewaldeten Hang, der wieder in Richtung Kyll führte, nahe dem Dorf Auw. Hier konnten wir wieder aufatmen und dem Herrgott danken für das große Glück, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Nach und nach tauchten noch mehr Soldaten unserer Gruppe auf, denen es ähnlich erging wie uns. Wir wollten uns zurückziehen über Auw zum anderen Ufer der Kyll, aber vor dem Dorf standen schon die sogenannten "Kettenhunde" mit ihren Schildern auf der Brust und drohten jeden zu erschießen, der es wagen würde, die Kyll zu überqueren. So verbrachten wir nun die nächsten zwei Tage im bewaldeten Westhang der Kyll. Am ersten Tag war es verhältnismäßig ruhig. Die Amerikaner beschossen Auw auch mit Brandgranaten und wir sahen, daß einige Häuser in Flammen standen. Einmal kam ein einzelner amerikanischer Posten am oberen Waldrand dicht an uns vorbei. Er wäre für uns eine lebende Zielscheibe gewesen. Gott sei Dank gab unser Unteroffizier ein Zeichen, daß wir uns ruhig verhalten und nicht schießen sollten. Was hätte es auch genützt? Erstens hätten wir auf uns aufmerksam gemacht und zweitens hätten wir ohne Sinn das Leben dieses Soldaten auf unser Gewissen geladen. Am zweiten Tag setzte dann plötzlich starkes Artillerie-Feuer ein, und zwar von deutscher Artillerie. Sie beschossen den Westhang der Kyll, wohl in der Annahme, daß sich dort die Amerikaner befänden. So wurden sie zu einer großen Gefahr für uns. Ringsum flogen uns die Granatsplitter um die Ohren und wir wußten nicht mehr ein noch aus. In einer kurzen Feuerpause zogen wir uns weiter zurück zum unteren Hang nahe der Kyll, wo wir verhältnismäßig sicher waren. Allerdings kamen wir uns vor wie ein verlorener Haufen, über uns die Amerikaner und hinter uns die SS mit ihren Aufpassern. Die Verpflegung klappte auch nicht mehr, zudem war es auch recht kalt an diesen Tagen. Um unsere Uniform war es auch schlecht bestellt. Da wir erst im November 44 eingezogen worden waren, war wohl nicht mehr viel an Uniformen übrig und wir mußten das anziehen, was man uns hingeworfen hatte. Mein Schuhwerk z.B. bestand aus ein Paar Gummistiefeln mit Fußlappen, die ich während unserer Ausbildung in Korlingen von der Firma "Romika" bei Gusterath erhalten hatte. So hungrig und frierend war es wohl nicht mehr weit her mit der Moral, von wegen: für´s Vaterland zu kämpfen, zu siegen, zu sterben den Tod? Wir wußten schon, daß der Krieg verloren war und unser einzig Sinnen und Trachten war, lebend dieses alles noch zu überstehen und eines Tages heil in die Gefangenschaft zu kommen. Die meisten unserer Gruppe waren, wie ich selbst auch, gerade erst 17 Jahre alt, aber in diesen paar Tagen wurden wir alle viel reifer und älter und sahen alles, was uns in unserer Jugend eingetrichtert wurde, bedeutend kritischer. Endlich kam dann am dritten Tag die Nachricht, daß wir über die Kyll zurück und uns am diesseitigen Osthang neu einschanzen sollten. So mußten wir wieder mit je zwei Mann im Abstand von ca. 80-100m neue Schanzlöcher ausheben, was natürlich nur nachts geschehen konnte. Als wir am anderen Morgen zu unserem Nachbarposten mal hinschleichen wollten, war dort niemand mehr anzutreffen. Zu unserem Erstaunen aber lag dort ein amerikanischer Stahlhelm. Unser Posten war wohl abkassiert worden, und als besonderes Zeichen dafür hatten die Amerikaner wohl absichtlich ihren Stahlhelm dort hinterlassen. Tagsüber blieb es jedoch außer Artilleriefeuer und Jabos einigermaßen ruhig. Abends, so gegen 22 Uhr, kam dann endlich der Befehl zum weiteren Rückzug gegen Westen. Wir sammelten uns an einem zentralen Punkt, und mit den Versprengten anderer Einheiten waren wir auf ca. 30 Soldaten für den gemeinsamen Rückzug angewachsen. Wir waren etwa eine Stunde unterwegs, als wir in der Nähe des Dorfes "Hosten" ankamen. An einem Hohlweg machten wir halt. Ein Stoßtrupp sollte erkunden, ob die Amerikaner schon im Ort waren. Für uns war das eine willkommene Gelegenheit, uns an der Böschung des Hohlweges auszuruhen. Da wir alle ziemlich schwach waren nach den Strapazen der letzten Tage, ohne Essen und Schlaf, war es klar, daß wir sofort einschliefen. Ich vermute, daß ich eine knappe halbe Stunde geschlafen hatte, als ich plötzlich unsanft mit einem Gewehrkolben in die Rippen geweckt wurde. Vor mir stand ein großer Amerikaner, und auf "hands up" mußte ich schnell die Arme hochreißen.

(05) In Gefangenschaft 04. März 1945
Das also war der Moment meiner Gefangennahme. Tausend Gedanken wirbelten mir duch den Kopf. Einerseits war ich sehr erleichtert. Ich wußte, "du hast es geschafft und bist lebend in Gefangenschaft gekommen!" Wie es weitergehen würde, war mir in diesem Moment egal. Daß der Amerikaner mir meine Waffen abnahm und mich filzte und dabei auch meine persönlichen Sachen an sich nahm, registrierte ich nur so nebenbei, denn der ganze Hohlweg war umstellt von vielen Amerikanern, und im Weg selbst war ein Gewimmel, das ich in der Dunkelheit kaum unterscheiden konnte. Nach etwa einer halben Stunde trat ich dann meinen ersten Marsch als Gefangener nach Hosten an. Im Ort angekommen, mußten wir alle in die dortige Kirche. Hier waren schon fast alle Bänke gefüllt mit deutschen Gefangenen. Wir mußten auch dazu. Die Amerikaner mit angelegten Gewehren hinter uns wissend, mußten wir, die Hände über dem Kopf zusammen, die Nacht in dieser Kirche verbringen. Von weiterem Schlaf konnte keine Rede mehr sein, zu stark liefen die Ereignisse der letzten Tage an mir vorüber. Außerdem hatten wir auch Angst, die Hände vom Kopf fallen zu lassen, da man ja nicht wissen konnte, wie die Amerikaner reagieren würden. Am anderen Morgen ging es dann los Richtung Westen. Unterwegs wurde der Gefangenentransport immer größer. Aus allen Ecken kamen neue Gefangene hinzu. Unser Gefangenenzug marschierte durch Welchbillig über Helenberg weiter durch Luxemburg bis nach Arlon in Belgien. Zwischendurch machten wir in den schnell geschaffenen Stacheldrahtlagern halt. Ab und zu gab es etwas Verpflegung, damit wir überhaupt die Kraft hatten, tagelang zu "marschieren". In Arlon angekommen, mußten wir dann durch die Stadt, zum sogenannten "Siegeszug" der Amerikaner und zur "Demonstration" der Niederlage der deutschen Wehrmacht, marschieren. Es wurde zu einem Spießrutenlauf für uns. Wir mußten wüste Beschimpfungen, Drohgebärden und Steinwürfe über uns ergehen lassen. Aber wir haben es überstanden. Noch am selben Tag wurden wir dann in geschlossene Waggons verladen, je 50 bis 60 Gefangene in einen Waggon. An der Schiebetür stand ein Karton, der pro Mann eine Tafel Schokolade enthielt, und ein leerer Kübel. Er sollte uns wohl als WC dienen. Dann wurden die Türen von außen verschlossen, und ab ging es Richtung Südwesten. Das konnten wir aber nur in etwa feststellen, durch die kleinen Lüftungsluken an den Seiten. So sind wir später dann auch in dem bekannten Durchgangslager "Stenay" angekommen. Hier wurden wir alle einzeln streng verhört und anschließend, je nach Vergangenheit, in verschiedene Gruppen getrennt. Wer bei der SS war, wurde sofort separiert. Der Amerikaner, der mich ausfragte, war ein Jude und sprach gut deutsch. Einmal wurde es mir doch bang ums Herz, als er mein Soldbuch las und sah, daß da "Zweitschrift" drinstand. Das kam ihm wohl verdächtig vor, noch so jung, und dann schon das zweite Soldbuch. Ich versuchte ihm zu erklären, daß es mit unserem Nachschub bei einem Bombenangriff verloren gegangen war. Zu allem Überfluß hatte ich auch noch ein Photo dabei, das mich in voller HJ-Uniform zeigte. Ich hätte es wohl besser weggeworfen. Er betrachtete das Photo und sagte: "Aha, hier steht er ja in voller Uniform!" Ich sagte ihm, daß ich mir dabei nichts gedacht hätte, sonst hätte ich es ja wohl längst verschwinden lassen. Er schaute mich prüfend an und meinte dann: "Na ja, dann gehen Sie mal wieder zu Ihren Kameraden", was ich mit großer Erleichterung auch sehr schnell tat. Wir blieben einen Tag und eine Nacht in Stenay. Dann wurden wir wieder in Waggons verfrachtet, ähnlich wie in Arlon. Diesmal dauerte die Reise länger. Wir fuhren den ganzen Tag Richtung Westen, bis wir zu dem großen Gefangenenlager "Maille le Camp" kamen, wo ca. 20000 Gefangene untergebracht waren. Dieses Lager befand sich in der Champagne, ca. 35km südlich von Chalons-sur-Marne. Wir waren heilfroh, dort angekommen zu sein, denn wir wären unterwegs fast verdurstet. Auch ein miserabler Gestank war im Waggon, da ja statt einer Toilette nur ein Eimer vorhanden war. Zu allem Überfluß sahen wir alle aus wie die Chinesen, gelb von unten bis oben. In dem Waggon muß wohl vorher Schwefel gewesen sein. Im Lager waren Zelte mit Strohlagern vorhanden, nur Decken gab es keine. Wir haben versucht, zu zweit zusammen zu schlafen, und dabei einen Mantel als Unterlage und den anderen zum Zudecken zu benutzen. Zum Glück war der März 1945 ein relativ schöner, warmer März, so daß wir uns tagsüber schon draußen in der Sonne aufhalten konnten. Die Verpflegung reichte gerade aus, daß man sich am Leben erhalten konnte. Was man aß, brauchte der Körper auf, so daß man höchstens ein- bis zweimal pro Woche zur Toilette gehen mußte. Als "Eßgeschirr" erhielt jeder Gefangene eine Blechbüchse von 3/4l und einen Löffel. Eine Gabel oder gar ein Messer gab es nicht, es wäre zu gefährlich gewesen. Mit diesen Blechdosen mußten wir nun zweimal täglich zum Essensempfang antreten. Es war schon ein komisches Bild: die lange Warteschlange, und jeder hatte seine Blechbüchse in der Hand. Daher kam auch der Name "Blechbüchsenarmee". Was sich auch noch sehr unangenehm entwickelte, war der Umstand, daß wir es plötzlich alle mit Kleiderläusen zu tun hatten. Die müssen sich wohl in dem Strohlager aufgehalten haben. Das war eine Juckerei! Zum Glück war es in den Mittagsstunden so warm, daß wir unsere Hemden ausziehen und in die Sonne legen konnten. Hier krochen sie dann aus allen Nähten, man konnte fast glauben, das Hemd würde sich bewegen. Um dem Übel abzuhelfen, mußten wir öfters zur sogenannten "Entlausung" antreten. Dabei mußten wir Hemd und Hose öffnen und der Sanitäter "bestäubte" uns mit einer großen Bestäubungspumpe. Schon nach kurzer Zeit blühte im Lager der Schwarzhandel. Als Währung zählten nur Zigaretten. Gegen Zigaretten wurde fast alles verschachert, was an Wertgegenständen noch vorhanden war: Uhren, Ringe, und manchmal waren auch Trauringe dabei. Für mich war das damals unverständlich, daß man für die Sucht des Rauchens fast alles hergeben konnte, was einem lieb und teuer war. Ich war knapp vier Wochen im Lager "Maille le Camp", als wir alle zusammen antreten mußten. Es ging das Gerücht herum, daß ein Teil zu den Franzosen kommen sollte. Wie ich später erfuhr, waren es insgesamt 500000 Gefangene, die von den Amerikanern an die Franzosen zur "Wiedergutmachung" übergeben wurden. So sortierte man auch uns. Die Älteren und diejenigen von den Jüngeren, die sehr schwach waren, konnten dort bleiben, und wurden zum Teil bald darauf auch schon entlassen. Obwohl ich mit meinen 17 Jahren einer der Jüngsten war, wurde ich mit zu den Franzosen übergeben, wahrscheinlich, weil ich noch zu kräftig war.

(06) Das Kloster Lachalade
So wurden wir nun am 5.April wieder in Waggons verladen, diesmal in Richtung Argonnen. Unser Zug fuhr bis "Vienne le Chateau", dort wurden wir von den Franzosen übernommen. Von hier aus ging es dann zu Fuß bis nach "Lachalade", ein altes Kloster im Argonnerwald. Während der französichen Revolution zerstört, wurde es später etwas renoviert. Im ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 hatte es als Munitionslager gedient, und nun, 1945, wurde es als unser Gefangenenlager genutzt. Wir waren mit ca. 120 Mann hier angekommen. Das Lagerleben gestaltete sich völlig anders als in Maille le Camp. Täglich wurden Arbeitskommandos aufgestellt, zum Holzhauen im Argonnerwald. Zum Lohn dafür gab es abends dann eine Kartoffel für die, die den ganzen Tag im Wald gearbeitet hatten. Die Verpflegung im Lager war sehr miserabel, "Wassersuppe in Kohlrüben". Bei den Amerikanern war das Essen schon sehr knapp gewesen, aber hier war es noch schlimmer. Am ersten und zweiten Tag wollten wir die Suppe kaum essen, aber dann mußten wir es schließlich, wenn wir nicht verhungern wollten. So kam es auch, daß wir alles Eßbare suchten, was irgendwie zu finden war. Unsere Wachmannschaft z.B. hatte besseres Essen und warf die Abfälle zum Teil auf einen Haufen in der Ecke des Lagers. Fanden sich dort grüne Kohlblätter oder sonst etwas an Eßbarem, so war es schnell verschwunden. Auch der junge grüne Rasen im April war schnell weg. So kam es wohl auch, daß mehrere an der Rur erkrankten und starben. In dieser Situation kamen nun französische Soldaten und warben für die "Fremdenlegion". Sie versprachen uns das Blaue vom Himmel, vor allem gutes Essen, was bei unseren hungrigen Mägen ja am meisten zog. Es haben sich daraufhin auch mehrere gemeldet und unterschrieben. Sie kamen sofort weg, und wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Da wir uns in einer ländlichen Gegend befanden, und wir ja hier für die Franzosen arbeiten sollten, kamen auch die Bauern aus der Umgebung zu unserem Lager, um sich hier ihre Gefangenen als Landarbeiter abzuholen. Wir mußten dann jedesmal antreten. Ließen die Bauern dann durch einen Dolmetscher fragen, wer Landwirt sei, meldeten sich immer alle. Jeder wollte nur raus aus diesem Lager. Einige wurden aber nach ein paar Tagen wieder zurückgebracht, weil sie keine Ahnung von der Landwirtschaft hatten. Am Vormittag des 14. April mußten wir wieder antreten. Diesmal suchte ein Bauer einen "Melker" für seinen Betrieb. Ich erkannte meine Chance und habe mich sofort gemeldet, da ich gut melken konnte. Als der Bauer sah, daß ich mich meldete, musterte er mich kurz und sagte dann: "Den nehme ich." Diese Entscheidung sollte für mein weiteres Leben von großer Bedeutung werden. Da der Bauer auch noch einen Gefangenen für den Ackerbau suchte, meldete sich ein Eduard Lorang aus Binningen, mit dem ich im Lager Kontakt bekommen hatte. Für einen anderen Betrieb im Ort wurde ein dritter Gefangener ausgesucht. Sogleich durften wir unsere wenigen Sachen packen, und los ging´s. Wir durften in eine große Limousine einsteigen. Der Fahrer des Wagens, so erfuhr ich später, war der Nachbar des Bauern und der Bürgermeister unseres Zielortes.

(07) Dampierre le Chateau
Nach ca. 35 km Fahrt kamen wir in Dampierre le Chateau an, einem Ort am Anfang der Champagne mit ca. 180 Einwohnern. Es waren zwölf landwirtschaftliche Betriebe in diesem Ort. Darüberhinaus gab es Schule, Post, zwei Geschäfte und Gaststätten. Im Ort wohnten auch viele Arbeiter, die in den Betrieben ihr Brot verdienten. Die Durchschnittsgröße der Betriebe lag bei 100 ha, für uns kleine Eifelbauern eine fast unvorstellbare Größe. Wir stiegen direkt vor dem Betrieb unseres Bauern aus. Er hieß "Gaston de Clerq", war ein Flame, und konnte sich durch sein Flämisch mit uns verständigen. Neben ihm stand Monsieur Andrè Boivin, der Nachbar und Bürgermeister. Dann kam noch ein Monsieur Jeansson hinzu, der ja auch einen "Prisonnier de Guerre" erhalten sollte. Wie ich erst später erfuhr, haben die drei sich unterhalten, wer nun zu wem kommen sollte. Monsieur Jeansson wollte doch lieber den Ältesten von uns dreien nehmen. Er hatte drei Töchter um die zwanzig zu Hause, und es schien ihm wohl zu gefährlich, einen jungen Kriegsgefangenen zu sich zu nehmen. So kamen also Eduard und ich zu der Ferme "Le Clerq". Die Gebäude befanden sich in einem relativ guten Zustand. Der Betrieb war 1925 nach einem Brand neu erbaut worden. Nun lernten wir auch Madame de Clerq und ihre beiden kleinen Söhne kennen. Jacques war zwei Jahre alt und Hubert drei Monate. Madame de Clerq wies uns unsere Kammer an, die genau zwischen Pferdestall und Kuhstall lag. Wir konnten damals nicht ahnen, daß dies für dreieinhalb Jahre unsere Behausung werden sollte. In der Kammer standen zwei französische Betten, 1,40m breit. Es war aber nur ein Bett mit zwei Bettlaken versehen, wir sollten also zusammen in einem Bett liegen. Da uns dies aber nicht besonders behagte, und die beiden Laken sehr groß und breit waren, rollte sich jeder kurzerhand in ein Laken ein. Das ging ganz gut. Im Rhytmus von drei Wochen wechselte die Madame unsere Bettücher aus. War das ein Gefühl in der ersten Nacht, etwas mehr Freiheit zu genießen und nicht mehr nur den Stacheldraht anschauen zu müssen! Der normale Tagesablauf in der Ferme begann für uns morgens um 5 Uhr. Eduard mußte die Pferde füttern, insgesamt 12 Stück, und ich mußte 11 Kühe melken. Da ich anfangs sehr schwach war nach dem Lagerleben (ich wog keine 50kg mehr), fiel mir das Melken schwer. Ich brauchte länger als zwei Stunden, und die Bäuerin mußte mir öfters helfen. Aber ich hatte mir im Lager vorgenommen, zu einem Bauern zu kommen. Ich dachte mir, "wo es Milch gibt, da kannst Du nicht mehr verhungern". In der ersten Zeit nutzte ich auch diesen Vorteil intensiv. Jedesmal, wenn der erste Liter Milch im Eimer war, setzte ich ihn auf den Mund und trank einen kräftigen Schluck. So kam ich doch schnell wieder zu Kräften. Während ich also mit Melken beschäftigt war, fütterte Eduard mit Hilfe von Paul Royer, einem Arbeiter aus dem Ort, die Pferde. Nach 7 Uhr gab es dann Frühstück. Anschließend mußte Eduard mit den Pferden aufs Feld und ich mußte, je nach Jahreszeit, die Kühe füttern oder auf die Weide bringen. Danach wurde ich auch zur Feldarbeit eingesetzt. Pünktlich um 11.15Uhr hieß es dann: "a la soupe!", zum Mittagessen. Das bedeutete, daß alle Gespanne, egal wo und was sie arbeiteten, dann wieder zu Hause im Betrieb sein mußten. Es waren meistens drei Gespanne mit je drei Pferden unterwegs. Die Pferde wurden schnell gefüttert, und dann war Ruhe bis 13 Uhr. Mit unserem Essen waren wir meistens so um 12 Uhr fertig und konnten uns dann auch bis 13 Uhr in unsere Kammer zurückziehen. Das war für uns beide ein großes Glück, denn wir waren anfangs ja so schwach, daß wir nach 5 Minuten schon fest einschliefen, und um 13 Uhr aus unserem Schlaf wieder wachgerüttelt werden mußten. Am Nachmittag ging es dann wieder aufs Feld, bis ca. 17.30 Uhr. Ich mußte schon früher nach Hause, weil ich die Kühe zu melken hatte. Je nach Saison wurde dann zwischen 18 und 19 Uhr zum Abendessen gerufen, und unser Arbeitstag war dann zu Ende. Das Essen war übrigens sehr gut und reichlich. Unser "Patron", wie man den Bauern in Frankreich nannte, animierte uns immer zum Essen und meinte, wer viel arbeitet, sollte auch viel essen. Hätten wir beide anfangs allerdings entsprechend unserem riesigen Hunger gegessen, so wäre für die anderen am Tisch wohl nicht mehr viel übriggeblieben. Daher waren wir beide in der ersten Zeit auch viel "Selbstversorger". Zum einen gab es ja genügend Milch auf dem Hof, und zum andern liefen überall in Scheune und Stallungen Hühner herum, so daß wir manchmal Nester mit über 20 Eiern finden konnten. Dann waren jedesmal ein paar Eier dran, die wir roh "schlauchten", den Rest brachten wir in die Küche. Eine der schlimmsten und schwersten Arbeiten auf dem Hof hatten wir bereits in den ersten Tagen zu überstehen. Bei unserer Ankunft hatten wir einen sehr großen Haufen Mist vor der Scheune liegen sehen. Der sollte nun ausgefahren werden. Es gab damals noch keine "Frontlader". So mußten also Eduard und ich zwei volle Tage auf dem Misthaufen stehen und Mist laden. Gefahren wurde wieder mit drei Gespannen. Eins war immer unterwegs zum Feld, ein zweites lud den Mist dort ab und ein drittes (unseres) stand immer wieder im Hof zum Beladenwerden. Nach zwei Tagen hatten wir beide die Hände so voller Schwielen, daß wir kaum noch einen Stiel ohne Taschentuch anfassen konnten. Auch das Melken fiel mir sehr schwer, und Bauer und Bäuerin mußten mit eingreifen.

(08) Die Arbeit mit den Pferden
Das Arbeiten mit den Pferden war für mich anfangs auch ungewohnt. Zu Hause hatten wir nur Kühe gehabt. Erschwerend kam hinzu, daß wir die französischen Kommandos erst lernen mußten, "ohioho" bedeutete rechts, "doc" links. Außerdem hatte unser Bauer, der Flame war und aus Belgien stammte, eine ganz andere Methode im Umgang mit den Pferden als die Franzosen. Diese fuhren auf ihren Einachskarren mit hohen Rädern und spannten bei Bedarf noch zwei bis drei Pferde davor. Unser Bauer spannte jedoch meistens drei Pferde nebeneinander. Das linke war immer das Leitpferd. Nur das Leitpferd war mit einer einfachen Leine verbunden (keine Doppelleine). Die Pferde wurden alle mit "Candarre" gefahren, d.h. daß den Pferden das Maul zuging und es sehr weh tat, wenn man an der Leine zog. Das zweite Pferd war dann mit dem Zügel am Strang des ersten Pferdes festgebunden, und das dritte am Strang des zweiten. Wollte also das zweite oder dritte Pferd schneller sein als das Leitpferd, zog es sich sofort die Candarre zu. Ich möchte noch etwas mehr auf die Zweiachswagen unseres Bauern eingehen. Es waren schwere Holzwagen mit großen Speichenrädern, die ich sonst bei keinem Bauern in Dampierre gesehen habe. Er hatte sie aus Belgien hergeschafft. Das Kuriose an diesen Wagen war, daß sie nur eine kurze Deichsel von 1,50m hatten mit einem kräftigen Haltegriff, vorne mit einem starken Haken versehen, wo man eine Dreispänner-Waage anhängen konnte. Daran wurden die Sielscheide angehängt, um die Pferde anzuspannen. Die Pferde waren also nicht in der Lage, den Wagen bei einem nur kleinen Gefälle zurückzuhalten. Daher mußte immer auf Zug gefahren werden, das heißt, daß der Lenker immer eine Hand an der Bremse haben mußte. Die Franzosen nennen das "Mecanique". Als ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, dachte ich gleich an unsere "Kanik" zu Hause, die wir ja auch an unseren Holzwagen hatten, das Wort stammt also aus dem französischen. Die Mecanique der Wagen unseres Bauern wirkte auch auf die Hinterräder, sie war aber durch eine Stange mit vorne verbunden und gleich neben der Deichsel befestigt. Die Deichsel war stark und breit genug, daß man darauf sitzen konnte. So saß also der Lenker meist auf der kurzen Deichsel, die rechte Hand an der dünnen Leine und die linke immer griffbereit an der Bremse. Das war gar nicht so einfach und mußte erst gelernt werden. Wenn man nicht gut aufpaßte, lief der Wagen bei einem Gefälle den Pferden in die Beine. Dann fingen sie an zu laufen oder sie traten über die Stränge und das Chaos war perfekt. Besonders bei voll beladenem Erntewagen mußte man aufpassen, sonst konnte es passieren, daß die Garben auf der Straße lagen. Unser Hof hatte vor der Einfahrt ein heimtückisches Pflaster. Man mußte den kurzen Deichsel schon fest im Griff haben und genau zirkulieren, wenn man ohne anzustoßen in den Hof fahren wollte. Nach und nach haben auch wir es gelernt und es machte schon Spaß, mit den Pferden umzugehen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal mit drei Pferden eggen sollte. Der Bauer schickte mich aufs Feld und sagte, er käme nach. Ich kam auch gut zum Feld und begann zu eggen. Am Anfang klappte es ganz gut. Ich weiß nicht wieso, aber plötzlich fingen die Pferde an zu laufen. Ich zog die Leine, weil ich sie zurückhalten wollte. Das war wohl mein Fehler. Das Leitpferd vor allem war nämlich so dressiert, daß es bei mehrmaligem kurzem ruckartigem Ziehen an der Leine nach rechts ging und die anderen Pferde nach rechts drückte. Wenn man aber einfach nur an der Leine zog, gingen die Pferde automatisch nach links. So geschah es dann auch in meinem Fall. Je mehr ich an der Leine zog und die Pferde zurückhalten wollte, desto entschlossener liefen sie nach links. Schließlich fuhr ich nur noch in einem Kreis, der immer enger und kleiner wurde, bis die Pferde in der eigenen Egge standen und sich dort verfingen. Nun war die Fahrt zu Ende! Nach einer Viertelstunde kam dann der Bauer und sah das Fiasko. Er hatte wohl Verständnis für meine Lage und schimpfte nicht sehr.

(09) Das Waschhaus
Wie bereits beschrieben, mußte ich jeden Morgen nach dem Melken die elf Kühe zur Weide bringen. Mein Weg führte durch die Dorfstraße mit einer schönen Pappelallee am Bach entlang. Wie das zur damaligen Zeit bei den Franzosen noch üblich war, standen an jedem Ort, durch den ein Bach lief, sogenannte "Waschhäuser". Man hatte einfach ein Holzgerüst in den Bach eingebaut, das Ganze überdacht, in der Mitte eine freie Fläche von ca. 2m Breite und 4m Länge gelassen und rundherum mit Bohlen zugeschlagen. Auf diesen Bohlen knieten nun die Frauen des Dorfes und spülten ihre Wäsche im durchfließenden Wasser. Daß hierbei natürlich immer viel geplappert und "getratscht" wurde, versteht sich von selbst. Es war die Nachrichtenzentrale des Ortes. Mein Weg mit den Kühen führte auch direkt an diesem Waschhaus vorbei. Ich hörte immer schon von weitem das Gerede und Gelächter der Waschfrauen. Wenn ich dann dicht an ihnen vorbeiging, wurden immer alle still und musterten mich sehr kritisch. Ich war ja ein Neuer in ihrem Ort, und zudem noch ein deutscher Kriegsgefangener. In der ersten Zeit war ich immer froh, wenn ich an diesem Waschhaus vorbei war. Aber allmählich gewöhnten sie sich an meinen Anblick, und auch ich wurde etwas freier. Ich hatte in der Zwischenzeit auch schon ein paar Worte französisch gelernt. Jedenfalls konnte ich schon "Bonjour Madame" im Vorbeigehen sagen, und sie antworteten dann auch "Bonjour Monsieur". Als ich etwa zwei bis drei Wochen später wieder mit meinen Kühen am Waschhaus vorbeiging, befand sich nur eine einzige Frau dort. Ich sagte wieder "Bonjour Madame" und sie antwortete freundlich "Bonjour Monsieur". Ich wollte dann eben auch nett sein und ein paar Worte mit der Frau reden. Ich glaubte, daß mein französisch dafür schon reichen würde. Aus Verlegenheit wollte ich ihr sagen, daß sie ja schon beim Waschen sei. Ich begann also: "Madame, vous...vous?", kam aber nicht weiter mit meinem französisch, weil ich nicht wußte, was "waschen" heißt. Also begann ich nochmal und sagte freundlich. "Madame, vous wasch?" Sofort änderte sich ihre Miene und sie begann zu schimpfen, was ich natürlich nicht verstand. Mir war aber klar, daß ich etwas falsch gemacht hatte. Ich zog mit meinen Kühen davon. Mittlerweile hatte ich mir ein Wörterbuch deutsch-französisch besorgt. Bei meiner Rückkehr von der Weide wollte ich wissen, was ich falsch gemacht hatte. Ich fand dann auch heraus, daß "vache", gesprochen "wasch", auf französisch "Kuh" heißt. Ich hatte also zu der guten Frau praktisch gesagt: "Frau, Sie Kuh"! Nun konnte ich ihre Erregung gut verstehen. Zu einem späteren Zeitpunkt konnte ich dieses peinliche Mißverständnis mit Madame "Marceau" in bestem Einvernehmen aufklären.

(10) Das Leben im Dorf
Was die Einstellung der Franzosen zu uns betraf, so war wohl die erste Zeit die schlimmste. Vor allem, wenn wir mit den Pferden über die Straßen zum Feld fuhren, wurden wir unterwegs oft beschimpft von Franzosen, die uns begegneten. Gebärden und Zeichen wie "Halsabschneiden" und "Sale Boche" erlebten wir öfters in der ersten Zeit. Man konnte uns ja schon von weitem als Kriegsgefangene erkennen, da unsere Kleider alle mit einem großen "PG" (Prisonnier de Guerre) gekennzeichnet waren, sowohl auf dem Rücken als auch auf der Brust. Die Leute im Dorf waren in der ersten Zeit sehr mißtrauisch und kritisch uns gegenüber. Dafür hatten wir schon etwas Verständnis, denn es war ja noch Krieg und sie hatten zum Teil auch ihre Söhne oder Männer im Kampf gegen uns Deutsche verloren oder sie waren noch in Gefangenschaft. Am 8. Mai 1945 kam dann der Tag der Kapitulation, der Krieg war endgültig zu Ende. War das ein Freudentaumel bei den Franzosen! "Hitler kaputt" wurde uns immer wieder zugerufen. Wir waren mittlerweile vier Wochen im Ort und versuchten nach und nach durch das Auffangen verschiedener Wörter etwas französisch zu lernen. Bis dahin war uns die französische Sprache ja total fremd gewesen. Da der Franzose bekanntlich gut und deftig fluchen kann, waren die ersten Wörter, die wir in unser Gedächtnis aufnahmen, natürlich Schimpfwörter, die wir immer wieder von den Arbeitern dort hörten, z.B. "Nom de Dieu", "merde" usw. Wir wußten damals noch nicht so genau, was sie bedeuteten, aber sie gefielen uns wegen der Deftigkeit der Ausdrücke. Nach und nach kamen noch mehr Gefangene nach Dampierre le Chateau. Insgesamt waren wir später acht Kameraden, die in den einzelnen Betrieben arbeiteten. Wir kamen öfters abends nach getaner Arbeit zusammen. Vor allem sonntags trafen wir uns immer und unterhielten uns über die Heimat, die Familie, die Soldatenzeit usw. Wir verstanden uns alle gut miteinander. Das Leben auf dem Dorf und unsere Arbeit in den Betrieben ging kontinuierlich weiter. Bald kam schon die Zeit der Ernte. Hierbei ging es noch einmal so richtig rund. Damals wurde noch alles mit dem "Selbstbinder" gemäht, der von drei Pferden gezogen wurde, die alle drei Stunden ausgewechselt wurden. Alles andere war Handarbeit. Mit drei Leuten mußten wir z.B. den ganzen Tag Garben zusammentragen und aufstellen. Wir hatten dafür extra eine Kutsche mit einem Kutschpferd zur Verfügung, das uns zu dem Feld brachte, was uns sehr angenehm war. Dieses Pferd hieß "Kokotte", ein leichtes, ziemlich heißblütiges Pferd. Meistens stand es im Stall. Mit ihm erlebte ich mehrere Episoden, die ich später noch erzählen werde. Wenn man bedenkt, daß von dem 100 ha Betrieb ca. 70 ha in Handarbeit bearbeitet werden mußten, so kann man sich schon vorstellen, daß die Erntezeit eine sehr arbeitsreiche Zeit war. Die Garben mußten ja alle eingefahren und in die Scheune gelagert werden. Es waren, ähnlich wie beim Mist laden, immer drei Gespanne in Arbeit: eins zum Laden, eins zum nach Hause fahren und eins zum Abladen in der großen Scheune. So ging das ein paar Wochen lang, bis alles erledigt war. Die Garben lagen nun in der Scheune bis zum Winter, wenn die große Dreschmaschine mit ihrem Kommando ankam und tagelang gedroschen wurde. Die Franzosen hatten auch eine merkwürdige Art, Schweine zu schlachten. Ich ging einmal durch den Ort, als ich mitten auf der Straße ein halb verkohltes Schwein liegen sah. Zuerst dachte ich, hier hätte es gebrannt. Wie ich dann aber erfuhr, war das hier so üblich, ich habe es später in unserem Betrieb auch miterlebt. Beim Schweineschlachten wurden immer drei bis vier Personen benötigt. Zuerst wurde das Schwein mit einem langen Strick am Hinterbein angebunden, der dann an einem starken Pfeiler befestigt wurde. Dann wurde das Tier umgeworfen und ein paar Mann knieten sich drauf. Der Hausschlächter stach ihm mit einem langen Messer in den Hals. Es wurde also "geschächt" wie bei den Juden. In unserem Ort war es Monsieur "Grand-Jean", der die Funktion des Hausschlächters erfüllte. Nachdem das Blut abgezapft und umgerührt war, wurde das Schwein dann ganz in Stroh eingewickelt und angezündet, um die Borsten zu verbrennen. Danach sah es ganz verkohlt aus. Ich erinnere mich noch gut daran, daß Monsieur Grand-Jean anschließend ein Stück vom Ohr abschnitt und es genüßlich aß. Mittlerweile kam der Herbst ins Land, und ich hatte seit über einem halben Jahr immer noch keine Nachricht von zu Hause. Ich wußte nicht, ob meine Eltern und meine beiden Schwestern überhaupt noch lebten. Von den Kameraden hatte ich gehört, daß "Lutzerath", mein Heimatort, von der amerikanischen Artillerie beschossen worden war, aber näheres wußte keiner. So wurde das Heimweh in mir immer größer. Ich sehnte mich nach Hause, und so stand ich öfters abends vor dem großen Eingangstor und schaute nach Osten, in die Richtung, in der ich meine Heimat vermutete. Dann war ich ganz in Gedanken versunken und wäre am liebsten sofort abgehauen. Aber da war noch ein großer Haken. Mittlerweile wußte ich, daß Lutzerath auch in der französisch besetzten Zone lag, und alle Gefangenen, die dort nach geglückter Flucht ankamen, wieder von den Franzosen gefaßt wurden und zur Strafe ins Bergwerk mußten. Da war mir meine Arbeit auf dem Bauernhof doch lieber. In der Zwischenzeit hatte sich das Verhältnis der Franzosen zu uns Kriegsgefangenen wesentlich verbessert. Dazu beigetragen hatten auch viel die französischen Kriegsgefangenen, die aus Deutschland zurückkamen. Sie hatten dort meist positive Erfahrungen gemacht, und das kam uns jetzt zugute. Sie waren sehr gesprächig und froh, uns ihre Erlebnisse in deutscher Sprache erzählen zu können. Auch im Ort wurde das Verhältnis immer besser. Nach und nach entwickelte sich gegenseitiges Vertrauen. Die Franzosen sahen, daß wir unsere Arbeiten gut und richtig durchführten, daß wir auch Menschen und keine Barbaren waren, wie die Presse das so oft behauptet hatte. Ich war auch mittlerweile nicht mehr nur der deutsche Kriegsgefangene, sondern wurde überall mit "Rudolf" angesprochen. Gegenüber den älteren Kameraden hatte ich schon gewisse Vorteile. Ich war im Juli gerade erst 18 Jahre alt geworden, und von daher konnte ich ja noch kein großer "Kriegsverbrecher" sein, und vielleicht hatte man auch etwas Mitleid mit mir, weil ich noch so jung war. Mir fiel es auch nicht schwer, nach und nach die französische Sprache zu erlernen. Eine gute Hilfe dabei waren mir die beiden Kinder der Familie de Clerq, Jacques, mittlerweile zweieinhalb Jahre alt, und Hubert, jetzt neun Monate alt. Man spricht ja im allgemeinen mit Kindern etwas langsamer und deutlicher als die Erwachsenen untereinander. Davon habe ich besonders bei den Mahlzeiten sehr profitiert. Vor allem die leichten Kinderwörter prägte ich mir ein und eignete mir den Akzent der französischen Sprache an. Ich kaufte mir auch ein Buch über die französische Grammatik, die ich einstudierte. Für uns Deutsche ist sie wohl schwer zu lernen, aber ich wußte, sie war die Voraussetzung, wenn ich fließend französisch sprechen lernen wollte. Allmählich kündigte sich der Winter an. Es war schon Mitte November, und ich hatte immer noch keine Post von zu Hause. Ich wurde doch immer unruhiger und traurig, daß ich noch kein Lebenszeichen von meinen Lieben hatte. Wie groß war da meine Freude, als ich endlich, 14 Tage vor Weihnachten 1945, die ersten Nachrichten von zu Hause erhielt! Es waren gleich mehrere Briefe und Karten, die da ankamen. Meine Eltern und meine Schwestern hatten mir öfter geschrieben, nur war die Post unterwegs irgendwo liegen geblieben. Ich muß dazu noch vorausschicken, daß ich auch viele Briefe und Karten nach Hause geschrieben habe, die kamen auch erst Ende September dort an. Sie liefen alle als "Correspondance des Prisonniers de Guerre" und wurden natürlich alle zensiert.

(11) Weihnachten 1945
Wie gesagt, ich war überglücklich zu erfahren, daß zu Hause noch alles in Ordnung war, und ich litt nicht mehr so sehr unter der Trennung, obwohl mittlerweile schon über ein Jahr vergangen war. Das lange Bangen und die schmerzliche Ungewißheit hatten endlich ein Ende. So schien es trotz der Trennung doch noch ein schönes Weihnachtsfest zu werden. Tage vorher waren wir schon bemüht, für den Heiligen Abend alles vorzubereiten. Vor allem ein Weihnachtsbaum mußte her. Das war allerdings gar nicht so einfach, denn in dieser Gegend der Champagne wachsen überwiegend Kiefern und nur ganz selten Tannen. Außerdem kannte man den Brauch, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, hier damals noch nicht. Nach vielem Suchen konnte Hermann, mein Kamerad, ein kleines Bäumchen auftreiben. Wir stellten es in unserem Zimmer auf. Da wir keine Kugeln und kein Lametta beschaffen konnten, zerschnitten wir das Silberpapier von den Zigarettenschachteln und schmückten damit den Baum. Alle acht Kameraden beteiligten sich eifrig an dieser Arbeit. Wir fühlten uns plötzlich wie die Kinder und die Erinnerung an die Kindheit und an zu Hause stieg ganz deutlich auf. Ständiger Zuschauer bei diesen Vorbereitungen war der kleine Jacques, der älteste Sohn unseres Bauern. Er war damals gerade drei Jahre alt und hatte so etwas wohl noch nie gesehen. Unser Patron schenkte uns sogar noch ein paar Kerzen, die wir mit Freude an unserem kleinen Bäumchen festmachten. So konnte der Heilige Abend für uns beginnen. Gegen Abend erschienen alle acht Kameraden in unserem Zimmer. Es war zwar etwas eng, aber das Wichtigste war, daß wir alle zusammensein konnten. Wir wollten auch in der Fremde eine deutsche Weihnacht feiern. Der ein oder andere brachte noch eine Flasche Rotwein mit, der uns das Hineinversetzen in eine feierliche Stimmung erleichtern sollte. Da saßen wir nun, eng beieinander gerückt, auf den beiden Betten in unserem Zimmer und erzählten von der Heimat, von unseren Weihnachtserlebnissen, von der Kindheit, und plötzlich war die Heimat uns allen sehr nahe. Als wir dann die Kerzen anzündeten und aus unseren rauhen Kehlen "Stille Nacht, Heilige Nacht" erklang, da kullerten uns doch die Tränen aus den Augen, und keiner schämte sich deswegen. Jeder wußte, daß auch die Lieben daheim uns sehr stark vermißten und mit ihren Gedanken bei uns waren. Nie werde ich die Augen des kleinen Jacques vergessen, wie sie beim Kerzenschein strahlten. Einige von uns hatten ja selbst Kinder in seinem Alter. Für sie war es wohl noch schwerer und schmerzlicher, da sie weit von ihren Kindern das Weihnachtsfest verbringen mußten. Wir saßen noch ein paar Stunden zusammen bei einigen Gläschen Rotwein und erzählten uns Weihnachtsgeschichten. Zu unserer Überraschung kam gegen 23 Uhr unser Patron zu uns ins Zimmer und bot Eduard und mir an, uns mit zur Mette ins Nachbardorf Sivry zu nehmen. Wir waren gerne dazu bereit. Als dann in der Mette die französischen Weihnachtslieder erklangen, da hatte ich das Gefühl, mit allen Anwesenden in einer großen Gemeinschaft aufgenommen zu sein. Einer Gemeinschaft, in der ich nicht mehr empfand, daß ich ja eigentlich nur ein Fremder, ein Kriegsgefangener, war. In einer Zeit, in der viele Wunden des vergangenen Krieges noch lange nicht verheilt waren, konnte ich die Weihnachtsbotschaft "Friede auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind" für mich persönlich empfinden und erleben. So wird heute an jedem Weihnachtsfest die Erinnerung an die Weihnacht 1945 in der Gefangenschaft in mir lebendig.

(12) Madame Decocker
Unser Bauer Monsieur de Clerq hatte direkt vis à vis eine Schwester wohnen, die auch einen Betrieb von ca. 100 ha bewirtschaftete. Madame Decocker war eine herzensgute Frau, leider schon seit mehreren Jahren Witwe. Es war nicht leicht für sie, den großen Betrieb zu führen. Daher war sie froh gewesen, als ihr Bruder den gegenüberliegenden Betrieb pachten konnte. So konnten beide in guter Übereinstimmung ihre Betriebe führen. Ihre beiden Kinder waren auch im Betrieb mit tätig. Die Tochter "Denise" war 17 Jahre alt und der Sohn "Astér" 15 Jahre. Durch dieses Verwandschaftsverhältnis arbeiteten wir also oft in beiden Betrieben und verstanden uns auch sehr gut. Madame Decocker erzählte mir später einmal, daß sie damals großes Mitleid mit mir gehabt hätte, als sie mich das erstemal mit den Pferden über die Straße fahren sah. Ich hätte so jung und schmächtig ausgesehen, und sei in meinem zarten Alter schon in Gefangenschaft. Sie hatte ja auch die Kinder im gleichen Alter und hat mich wohl mit ihnen verglichen. Mit ihnen traf ich mich abends öfter vor dem Hof und wir kamen ins Gespräch über dies und jenes. Da die beiden auch flämisch sprechen konnnten, war es für mich angenehm, mich mit ihnen zu unterhalten. Wir alberten viel miteinander herum, wie das unter Jugendlichen so üblich ist. Ich erinnere mich noch gut, daß wir drei zur Kirschenzeit abends auf die Bäume kletterten und uns an den Kirschen labten. Denise war wie ein Junge und stand uns beim Klettern in nichts nach. Astér, Denise und ich haben auch oft zusammen gesungen, und zwar die aktuellen Lieder der damaligen Zeit, z.B. "Lilli Marleen (Devant de la Caserne)", "Ah, le petit vin blanc", oder "je t´attendrai" usw. Ich habe sie nach und nach erlernt, und sie sind mir auch heute noch geläufig.

(13) Germaine
Der Betrieb oder die "Ferme", wo wir arbeiteten, war ein Pachtbetrieb. Der Eigentümer war Monsieur Hoileux. Er wohnte mit seiner Frau und seiner Stieftochter "Germaine Gellot" gleich nebenan. Mit dieser Familie hatte ich im Laufe der Zeit auch Freundschaft geschlossen. Das kam daher, daß ich dort öfters ausgeholfen hatte, um verschiedene kleinere Arbeiten zu verrichten, z.B. Holz hacken, Gartenarbeiten, u.ä. Ich wurde dann abends oder sonntags zum Tee eingeladen, und wir redeten viel zusammen. Vor allem war es die Tochter Germaine, damals 30 Jahre alt, die mir viel von Frankreich, französischer Geschichte und Mentalität erzählte. Ich konnte dadurch mein französisch sehr verbessern, aber vor allem erteilte mir Germaine auch Unterricht im Schreiben der französichen Sprache. Es waren immer sehr angenehme Abende für mich. Ich hörte Germaine aufmerksam zu und begann immer mehr zu erkennen, welch ein Wahnsinn es doch gewesen war, sich gegenseitig als Feinde anzusehen, sich totzuschießen und soviel Leid zuzufügen. Ich glaube auch, daß hier der Grundstein für mein späteres Handeln gelegt wurde, für meinen Vorsatz, alles zu unternehmen, was in meinen Kräften stehen würde, um diese anfängliche Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln, für viele Menschen, besonders für jüngere, damit man sich nicht noch einmal solche unnützen Leiden und Qualen gegenseitig zufügen sollte. Heute bin ich stolz, daß mir dieses für viele junge Menschen auch gelungen ist. Germaine hatte ein großes Hobby. Sie liebte das Photografieren und entwickelte auch ihre Bilder selbst. Sie arbeitete mit einem Verfahren, bei dem sie die Bilder in der Sonne mit Tageslicht entwickeln konnte. Es machte ihr Spaß, mich bei meinen verschiedenen Arbeiten zu photografieren. Wenn ich z.B. irgendwo auf dem Feld am Pflügen oder Säen war, erschien sie und machte ein paar Aufnahmen von mir. So kam es auch, daß sie mir später bei meiner Heimkehr nach Lutzerath als Erinnerung an Dampierre ein Photoalbum überreichte, mit vielen Photos von den dreieinhalb Jahren meiner Zeit dort. Ich habe mich sehr darüber gefreut und es oft angeschaut. Daß sie bereits damals "europäisch" dachte, konnte ich an dem Spruch des französischen Dichters Lamartine ersehen, den sie in mein Photoalbum drucken ließ, der ins deutsche übersetzt etwa folgenden Wortlaut hat: " Sie werden keine Trennung vornehmen in den Rassen, Stämmen, Völkern und Nationen, und wenn man sagen wird, diese Rasse sind Barbaren, dieser Fluß trennt euch, dieser Berg begrenzt euch, dann sagt: Der gleiche Gott sieht uns und segnet uns, das Firmament deckt uns alle zu und der Himmel vereint uns."

(14) Winter 1945/46
Nun stand schon Neujahr vor der Tür, für die Franzosen ein hoher Feiertag. In Frankreich wurde jedenfalls damals Neujahr noch mehr gefeiert als Weihnachten. Ich ging also auch zur Familie de Clerq ins Zimmer, um ihnen ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Nun war da auch Denise anwesend. Ich wollte ihr auch die Hand reichen, doch da packte sie mich und küßte mich "rechts-links-rechts-links" auf die Wangen. Ich wurde rot bis hinter die Ohren und war ganz verlegen. Damals kannte ich noch nicht die Art, wie sich die Franzosen küssen, besonders bei der Begrüßung. So erhielt ich also Neujahr 1946 meine ersten französischen Küsse, die allerdings bei weitem nicht die letzten waren. Aber damals war ich so verlegen und überrascht, weil ich als Kriegsgefangener mit so etwas nicht gerechnet hatte. Der Winter 1945/46 war ein strenger Winter mit viel Schnee. Unsere Arbeit in dem Betrieb war fast jeden Tag die gleiche: Melken, Füttern, Futter sorgen usw. Etwas Abwechslung gab es, wenn wir mit den Pferden ausreiten sollten, um ihnen etwas Bewegung zu verschaffen. Die Bauern gingen währenddessen viel zur Jagd. Es gab dort vor allem viele Hasen und Wildkaninchen. In Frankreich hatte damals jeder das Recht, zur Jagd zu gehen, wenn er Eigentum besaß. Wenn wir auch nicht mehr zu unserem Gefangenenlager zurück mußten, so wurden wir doch von dort versorgt mit Kleidern, Zeitschriften, etwas Tabak u.ä. Alle Post, die wir erhielten, lief durch unser Lager mit Zensur, es war das "Depot 62 Marne". 1946 war es von "La Chalade" nach "St.Menehould" verlegt worden. St.Menehould war eine kleine Kreisstadt mit ca. 7000 Einwohnern am Rande des Argonnerwaldes. Von dort aus waren es nur noch 15 km bis nach Dampierre. Da zur damaligen Zeit besonders Tabak noch sehr knapp war und ich noch nicht rauchte, trieb ich schon mal mit den Franzosen etwas Schwarzhandel. Uns ging es dabei vor allem um etwas bessere Kleidung, und dann ohne diese PG-Zeichen. Wir wollten doch sonntags auch mal etwas feiner sein. Die Hosen z.B. "bügelten" wir über Nacht im Bett, indem wir sie unter die Bettdecke legten und darauf schliefen. Wir lebten uns mehr und mehr ins Dorfleben ein, und sonntags brauchten wir normalerweise nicht zu arbeiten. Wir besuchten regelmäßig die Messe mit den Franzosen. Im Ort war eine kleine schlichte Dorfkirche, sehr einfach ausgestattet mit ein paar alten Holzbänken. Im Winter, wenn es sehr kalt war, wurde der Holzofen angemacht, damit man es einigermaßen drin aushalten konnte. Der Pastor, ein schon älterer Herr, kam Sommer wie Winter immer mit seinem Fahrrad angeschaukelt, er wohnte im Nachbardorf, 4 km entfernt. Er trug immer einen Rock und auf dem Kopf einen breiten flachen Hut, wie das damals bei den französichen Pfarrern üblich war. Ich habe später einmal ein paar Filme von "Don Camillo" mit Fernandel gesehen. Dabei mußte ich dann immer an unseren Pastor in Dampierre denken. Nach der Messe gingen wir dann öfters mit den Franzosen zum Frühschoppen bei Madame Cappi. Sie war eine ältere, etwas füllige Dame, die immer Ruhe und Wärme ausstrahlte. Wir fühlten uns wohl bei ihr. Bei diesen Frühschoppen lernten wir auch erstmals die verschiedenen französischen Aperitivs kennen. Besonders gerne mochten wir den Pernod oder Riccard. Das ist ein Anislikör. Er wird mit Wasser gemischt, ca. 1 Teil Pernod zu 4 Teil Wasser. Dieses Getränk schmeckte uns besonders gut und löschte auch gut unseren Durst. Aber im Nachhinein ist es sehr heimtückisch. Man trinkt in aller Ruhe zwei bis drei Glas, und wenn man aufstehen will, schlottern einem die Knie. Uns jedenfalls erging es so, wenn wir wieder zu unserer Behausung gehen wollten. Sonntagsnachmittags trafen wir Gefangenen uns alle acht und gingen ein bißchen spazieren. Das war gut, man konnte seine Gedanken und Neuigkeiten austauschen, und es wurde viel von der Heimat geredet. Dabei kamen aber auch unsere "Patrone" zur Sprache. Nicht alle waren so korrekt und offen wie unser Monsieur de Clerq. Ein paar wurden wirklich wie Gefangene behandelt und durften nicht am gleichen Tisch essen mit den Franzosen. Daher hatten sie auch keine Lust, etwas mehr zu arbeiten als sie unbedingt mußten. Im Gegenteil, manches ließen sie verschlampen, was sie normalerweise nicht getan hätten. Es zahlte sich also für diese Bauern wirklich nicht aus, daß sie so hartherzig und geizig waren. Ich lernte daraus für mich, daß es im Leben nicht viel bringt, wenn man zu kleinlich und geizig ist, und daß man mit Offenheit und Großzügigkeit doch besser durchs Leben kommt. Mit der Post klappte es ab 1946 ganz gut. Ich erhielt laufend Briefe von meinen Eltern, meinen beiden Schwestern Hilde und Rosa, aber auch von meinen Schulkameraden und Freunden. Besonderer Briefkontakt entwickelte sich mit einer Jugendfreundin, "Gertrud Theobald", die mich über die Neuigkeiten innerhalb der Lutzerather Jugend informierte. (Sechs Jahre später wurde sie meine Frau.) Wenn ich dann diese Neuigkeiten las und mich in Gedanken hinein vertiefte, überkam mich doch das große Heimweh. Wir waren nun schon länger als ein Jahr in Gefangenschaft, und leider gab es keinerlei Anzeichen für eine baldige Entlassung in die Heimat. Es wurde zwar viel darüber geredet, doch es tat sich nichts. Unsere Arbeit in Dampierre ging im gleichen Rhytmus weiter.

(15) Tauchabenteuer am Waschhaus
Ich hatte bereits von dem Waschhaus berichtet, das in Dampierre direkt an der Straße auf dem durchfließenden Bach stand. Etwa 10 m daneben war ein Wehr stationiert. Je nach Wassermenge des Baches konnte man den Durchfluß zum Waschhaus regeln. Durch den Rückstau entstand vor dem Wehr ein See, in dem man bequem schwimmen konnte. Wir Gefangenen kühlten uns nach getaner Arbeit öfters dort ab. Eines abends waren wir wieder dort am Schwimmen, als Mademoiselle Germaine Jeansson nebenan im Waschhaus ganz alleine mit Waschen beschäftigt war. Sie kniete hinter ihren "Boites a Genou", wir würden es Knieschoner nennen. Das waren Holzkisten, die zur Wasserseite geschlossen waren, mit einem schräg abfallenden Brett zum Wasser hin, auf das dann die Wäsche gelegt und geschrubbt wurde. Wie gesagt: Germaine war alleine, sie hatte uns nebenan nicht gehört. Ich hatte sie jedoch erspäht und kannte sie bereits, da unser Kamerad "Hein" auf der Ferme Jeansson arbeitete. Ich wollte mir einen Scherz erlauben und sie mal so richtig erschrecken. Beim Betrachten des Waschhauses kam mir der Gedanke, zwischen den eingerammten Balken durchzutauchen und an der Stelle, wo sie am Waschen war, wieder aufzutauchen. Gedacht, getan. Ich holte tief Luft und wagte es. Dabei hatte ich mir genau überlegt, wo ich auftauchen müßte. Nun war es schon fast dunkel, und es war nicht leicht, die Orientierung durch die eingerammten Pfosten zu behalten. Ich konnte zwischendurch auch nicht auftauchen, da das Wasser ja bis an die Bohlen reichte. So schlängelte ich mich also durch die Pfosten. Es dauerte länger, als ich gedacht hatte. Ich bekam es schon mit der Angst zu tun, als ich plötzlich doch einen helleren Schimmer an der Wasseroberfläche erblickte. Da wußte ich, du hast es geschafft. Nun gab ich mir alle Mühe, mit einem kräftigen Satz vor Germaine aufzutauchen. Sie war ja nichtsahnend brav mit Waschen beschäftigt und dachte an nichts Böses, als ich plötzlich wie "Neptun" aus dem Wasser heraus vor ihr auftauchte. Sie stieß einen unheimlichen Schrei aus und wurde wohl kreidebleich, was ich allerdings in der Dunkelheit nur vermuten konnte. Dann allerdings erkannte sie mich. Sie konnte sich nicht erklären, wo ich hergekommen war, und wieso ich plötzlich vor ihr auftauchen konnte. Ich erklärte ihr dann alles. Sie meinte, es wäre doch fast unmöglich, dort durchzutauchen, und bisher hätte es auch noch nie jemand versucht. Viele Jahre später ging ich einmal an diesem Waschhaus vorbei, als überhaupt kein Wasser durchlief. So konnte ich auch alle die eingerammten Pfosten sehen, durch die ich geschwommen war. Erst jetzt kam mir so richtig zu Bewußtsein, wie leichtsinnig ich damals gehandelt hatte. Es war wirklich mehr Glück als Verstand, daß ich damals den Weg durch die Pfosten gefunden hatte und richtig aufgetaucht war. Wenn man jung ist, denkt man kaum an die Gefahren.

(16) Hornissenabenteuer
Was meine allgemeine Gesundheit betraf, muß ich sagen, daß ich während meiner Zeit als Kriegsgefangener in Dampierre großes Glück hatte. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich einmal während der Arbeitszeit krank im Bett gelegen hätte, außer an einem Nachmittag, als ich von Hornissen gestochen wurde. Dies war so geschehen: Wir fuhren an einem heißen Junitag mit drei Gespannen in den nahen Argonnerwald, um Brennholz zu holen. Das war schon ein richtiger Treck. Der Bauer, Monsieur De Clerq, der Arbeiter Paul Royer, Eduard und ich mit je drei Pferden vor den schweren Holzwagen. Dort angekommen, begannen wir auch sofort mit dem Aufladen. Was wir aber nicht bemerkt hatten, war, daß sich genau in dem Baum, an dem das Holz angelehnt war, oben in der Krone ein Hornissennest befand. Durch den Lärm beim Holzladen und durch das Anstoßen an den Baum hatten wir sie wahrscheinlich gereizt. Als wir unsere Wagen in etwa zur Hälfte geladen hatten, schwirrten plötzlich einige Hornissen um uns herum. Sofort wurden die Pferde unruhig und schlugen mit den Köpfen und Schwänzen um sich. Das muß die Hornissen wohl noch mehr gereizt haben. Sie stürzten sich auf die Pferde und stachen zu. Besonders unser Leitpferd bekam einige Stiche ab. Wir versuchten, die Hornissen wegzuschlagen. Ich nahm meine Mütze vom Kopf und schlug damit auf sie ein. Im selben Moment flog eine Hornisse auf meinen Kopf und stach in Sekundenbruchteilen zu. Ich schlug sie tot, aber im nächsten Moment kam eine andere auf meinen Nacken und stach ebenfalls zu. Sie wurden immer wilder. Für uns gab es nur noch eins: Aufhören mit Holzladen und fluchtartig den Wald verlassen. Unterwegs wurde mir schlecht und schwindelig. Auch unser Leitpferd torkelte mit gesenktem Kopf den Weg entlang. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, aber es heißt ja immer, daß sieben Hornissenstiche ein Pferd töten können und zwei Stiche einen Menschen. Ich glaube, man kann das nicht so wörtlich nehmen, sonst wäre ich ja wohl kaum noch da. In Villers en Argonne, einem kleinen Ort, durch den wir kamen, machten wir eine kurze Pause. Hier wurde ich in einem Hause von Bekannten mit einem Medikament, einer Art Mixgetränk, versorgt. Danach ging es weiter nach Dampierre, wo wir so um die Mittagszeit ankamen. Ich legte mich sofort ins Bett, da es mir immer noch übel war. Am anderen Tag ging es mir wieder besser, geblieben ist aber eine Angst vor Hornissen.

(17) Das Kutscherpferd Kokotte
Ein anderes Mal hatte ich ebenfalls großes Glück. Das Kutscherpferd Kokotte hätte mich beinahe erschlagen. Da dieses Pferd nicht viel angespannt wurde, befand es sich oft auf der Weide hinter der Scheune. Gegen Abend ging ich hin, um Kokotte reinzuholen. Dabei machte ich einen großen Fehler. Sie war noch ruhig am Grasen, als ich mich von hinten näherte, ohne daß sie mich hörte. Ich gab ihr einen leichten Klaps mit der Hand auf den Hintern. Wie vom Blitz getroffen schoß sie sofort mit beiden Hinterbeinen hoch. Hätte ich damals nicht so schnell reagiert und wäre nicht mit einer Reflexbewegung rückwärts gesprungen, hätte es mich ganz sicher voll erwischt. So waren es nur noch wenige Zentimeter, die die Hufe von meinen Augen trennten. Ich spürte den Windhauch und sah nur noch etwas Schwarzes dicht vor meinen Augen. Dieses Erlebnis war mir für mein Leben lang eine Lehre. Ich ging fortan nie mehr von hinten an ein Pferd ran, ohne es vorher anzusprechen. Noch eine andere Episode erlebte ich mit Kokotte. Ich sollte an einem Nachmittag ein Feld pflügen, und habe sie als drittes Pferd mit angespannt. Das Pflügen ging noch einigermaßen gut, obwohl Kokotte sehr unruhig war und viele Zicken machte. Als ich dann nach Hause in den Hof kam, dachte ich, sie sei nun müde. Ich spannte die anderen Pferde aus, und sie gingen wie immer alleine in den Stall auf ihren Platz. Das nahm ich auch bei Kokotte an. Aber von wegen, statt in den Stall lief sie durch das offenstehende Tor zur Straße, dann durch das ganze Dorf bis zur Kuhweide, wo sie öfters mit den Kühen gegrast hatte. Man kann sich meinen Zorn vorstellen, ich war schließlich auch müde von der Arbeit, den ganzen Nachmittag war ich hinter dem Selbsthaltepflug hergelaufen. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Pferd von der Weide zu holen. Ich schätze, daß sie einen ganzen Kilometer vom Hof entfernt war. Dort angekommen, wollte ich Kokotte einfangen. Aber so sehr ich mich auch mühte, es klappte einfach nicht. Ich wurde immer wütender und natürlich auch erschöpfter. Endlich, nach ca. 20 Minuten, bekam ich die Zügel zu fassen. Um sie jedoch in Ruhe nach Hause zu führen, war ich viel zu wütend. Ich schwang mich also kurzerhand auf ihren Rücken und ab ging die Post. Da Kokotte keinen Sattel hatte, war ich gezwungen, mich mit meinen Beinen zu halten, und mit dem Zügel in der Hand ging es in vollem Galopp durch den Ort. Mein Strohhut, der mit einer Kordel festgebunden war, fiel mir auf den Rücken, so daß ich in richtiger Wild-West-Manier über die Straße galoppierte. Als ich dann durch das Eingangstor des Hofes reiten wollte, kam unglücklicherweise gerade der Bauer mit seinem Auto heraus. Was sollte ich tun? Ein Zusammenstoß wäre unvermeidlich gewesen. Geistesgegenwärtig zog ich die Zügel an, drückte die Beine in die Rippen, und mit einem Satz sprang Kokotte über die Kühlerhaube. Nebenan standen Madame Hoileux und Germaine. Ich hörte ihren Aufschrei, und mir zitterten auch die Knie. Wir unterhielten uns später noch oft über diese Situation.

(18) 1946/47
Im Frühjahr 1946 kam ein neuer Gefangener zum Betrieb unseres Bürgermeisters Monsieur Boivin. Er stammte aus Mönchengladbach, sein Name war Hans Tewilt. Ich freundete mich schnell mit ihm an. Zu Hause hatte er eine Frau und eine kleine Tochter, Renate. Er hatte großes Heimweh nach den beiden und sagte immer, daß er so bald wie möglich abhauen werde. Im Sommer war es dann soweit. Ich half ihm gerne, den nötigen Proviant zu besorgen. Die wichtigen Straßenkarten allerdings konnte ich auch nicht beschaffen. Daher zogen wir Germaine ins Vertrauen. Das war schon eine riskante Angelegenheit, sie hätte uns ja verraten können. Aber sie machte mit und besorgte die nötigen Karten. Das war für sie auch nicht ungefährlich, denn es war streng verboten, und sie hätte bestraft werden können. Eines Nachts also war unser Hans verschwunden und wir waren in Gedanken bei ihm, ob er es wohl schaffen würde. Ein halbes Jahr später erhielt ich Nachricht von ihm. Er war in Belgien, nahe der deutschen Grenze, geschnappt worden. Man schickte ihn noch für vier Monate ins Bergwerk und anschließend wurde er entlassen. Die Zeit zog sich so dahin, und es kam schon wieder ein neuer Winter, 1946/47, ohne daß sich etwas abzeichnete in Punkto Entlassung. Wir mußten weiterhin zur Wiedergutmachung hier arbeiten. Endlich, nach dem Frühjahr 1947, tat sich einiges, und zwar seitens des Roten Kreuzes. Die Franzosen wurden doch intensiv dazu angehalten, mit der Entlassung ihrer Kriegsgefangenen zu beginnen. Aber es zog sich alles noch lange hin. Im Sommer 1947 wurden wir dann über einen sogenannten Entlassungsplan in 10 Kategorien informiert. Die erste Kategorie waren Familienväter mit mehr als drei Kindern, dann mit zwei Kindern, mit einem Kind, Verheiratete, Ältere usw. Für mich allerdings bedeutete das die letzte, die 10. Stufe. Dieser Entlassungsplan sollte innerhalb eines Jahres umgesetzt werden. Gleichzeitig aber wurde uns angeboten, einen Kontrakt, einen Arbeitsvertrag für ein Jahr, mit dem Arbeitgeber abzuschließen. Dies hatte den Vorteil, daß man ab Vertragsbeginn nicht mehr als Gefangener, sondern als "Zivilarbeiter" geführt wurde. Außerdem sollte man dann den gleichen Lohn erhalten wie die französischen Arbeiter. Was uns aber am meisten imponierte war die Zusage, während dieses Jahres einen ganzen Monat Heimaturlaub zu bekommen. Jetzt galt es, bald eine Entscheidung zu treffen. Bis jetzt hatte unser ganzes Sinnen und Trachten ja einer baldigen Heimkehr gegolten. Nun allerdings, da wir wußten, daß es durch unsere niedrige Entlassungsstufe ohnehin noch ein ganzes Jahr dauern würde, freundeten wir uns immer mehr mit dem Gedanken an, den Kontrakt abzuschließen. Ich habe hin und her überlegt und auch meinen Eltern die Situation beschrieben. Sie waren anfangs gar nicht begeistert von meiner Absicht, den Vertrag einzugehen. Als sie aber erfuhren, daß die Möglichkeit bestünde, mich bereits Weihnachten 1947 für einen Monat auf Urlaub zu Hause zu haben, waren auch sie einverstanden.

(19) Als Zivilarbeiter
Ich sprach also mit meinem Bauern über diesen Jahreskontrakt. Da mein Kamerad Eduard wohl in denselben Schuhen stand, schloß er sich an. Der Bauer kannte uns nun schon länger als zwei Jahre als zuverlässige Arbeiter. Daher war er mit dem Vertrag einverstanden. Wir wollten auch keine Zeit mehr verlieren. Je früher der Abschluß, desto schneller war das Jahr vorbei. Nun mußten wir nach St. Menehould zu unserem Lager wegen der Entlassungspapiere und galten anschließend als "freie Zivilarbeiter". Es war der 21. September 1947. Das war wieder ein vollkommen neues Gefühl, wir brauchten nicht mehr mit dieser gekennzeichneten Kleidung herumzulaufen. Wir hatten jetzt einen klaren Weg vor uns. Wir wußten, am 21. September 1948 war das Jahr vorbei und wir durften endgültig nach Hause. Außerdem war da ja noch ein Monat Heimaturlaub in Sicht. Unser Bauer war bereit, uns diesen Urlaub in der Zeit vom 15. Dezember 1947 bis zum 14. Januar 1948 zu gewähren. Die Zeit von September bis Dezember lief nun schnell vorbei. Was das Schöne war, wir verdienten jetzt auch noch Geld. Damit konnten wir endlich auch mal neue Kleider kaufen. Ich habe mir z.B. von meinem Monatslohn (Nov.47) von 4500 francs, das waren damals umgerechnet ca. 200 DM, ein "Kostüm" gekauft, daß auch ungefähr so viel kostete. So konnten wir dann am 15. Dezember unseren Urlaub in neuen Kleidern, auf die wir sehr stolz waren, antreten. Unser Bauer brachte uns mit dem Auto nach St.Menehould zur Bahn, und ab ging es in Richtung Heimat. Es war allerdings eine schwierige Fahrt. Wir mußten oft umsteigen und Umwege in Kauf nehmen. Besonders in Deutschland sah es damals noch sehr schlecht aus. Die Waggons waren in einem miserablen Zustand. Die meisten Fenster waren kaputt oder mit Pappe zugeklebt. Aber das alles kümmerte uns nicht. Unsere Gedanken waren schon zu Hause. Wie wird es dort wohl aussehen? Was hat sich in den drei Jahren verändert? Wie sehen die Eltern und Geschwister jetzt aus? Kennen Dich Deine Freunde noch? Diese und ähnliche Fragen gingen uns durch den Kopf. Endlich, am Abend des 16. Dezember, kam ich in Lutzerath an. War das ein Wiedersehen! Ich werde es nie vergessen. Überglücklich schlossen mich meine Eltern und meine Schwestern in die Arme und weinten vor Freude. Drei Jahre war ja auch eine lange Zeit. Was gab es da alles zu erzählen! Es wurde ein langer Abend. Die Nachricht, daß ich in Lutzerath angekommen sei, verbreitete sich sehr schnell im ganzen Ort. Es kamen so viele Freunde, Bekannte und Verwandte, sie alle wollten mich wiedersehen. Es gab überall viel zu berichten. Alle meinten, in den drei Jahren sei aus dem Jüngling ein junger Mann geworden. Zur gleichen Zeit kam dann noch ein Zivilarbeiter aus Frankreich in Heimaturlaub. Es war Toni Theobald, dem es fast ebenso ergangen war wie mir, und er hatte sich auch für ein Jahr verpflichtet. Mich freute das sehr, denn nun konnten wir unsere Erfahrungen austauschen. Dadurch waren wir auch oft abends zusammen, mit unseren beiden Familien. Hierbei bahnte sich auch etwas Neues an. Ich hatte ja mit Gertrud, der Schwester von Toni, schon seit längerer Zeit Briefverkehr, und bei diesen Zusammenkünften haben wir uns dann tiefer in die Augen geschaut. Meiner Schwester Rosa erging es so ähnlich, sie hatte ein Auge auf Toni geworfen. Die Dinge entwickelten sich in dieser Richtung weiter, und ein paar Jahre später hatte ich Gertrud, die Schwester von Toni geheiratet, und Toni nahm Rosa, meine Schwester, zur Frau. Wir haben also praktisch unsere Schwestern ausgetauscht. Diese Weihnachtszeit 1947 war eine unvergeßlich schöne Zeit. Sie ging nur viel zu schnell vorbei. Es kam bald der Tag, an dem wir wieder Abschied nehmen mußten. Es war aber diesmal nicht so tragisch, wir wußten nun, wie es zu Hause aussah, und wir wußten vor allem, daß in neun Monaten unser Vertrag zu Ende lief, und wir dann endgültig zu Hause bleiben konnten. Pünktlich am 14. Januar 1948 kamen wir wieder in Dampierre le Chateau an. Ich hatte Eduard in Binningen abgeholt und gemeinsam waren wir zurückgefahren. Die Franzosen im Dorf waren eher etwas verwundert, uns wiederzusehen, sie dachten wohl, wir würden in unserer Heimat bleiben. Dies hätte uns nichts genützt, denn "Vertrag ist Vertrag". Die nächsten Monate liefen nun wirklich schnell vorbei. Mittlerweile konnte ich fast fließend französisch sprechen und bekam auch viel Kontakt mit der Dorfjugend. Da ich schon immer gerne Fußball gespielt hatte, kaufte ich mir einen Fußball und ein Paar Fußballschuhe. Als die Jugendlichen im Dorf das sahen, nahmen sie mich in ihren Club auf und gründeten eine richtige Fußballmannschaft. Ich war der Mittelläufer. Meine Mannschaftskameraden liehen mir ein Fahrrad und nahmen mich mit zu den Fußballspielen in die umliegenden Orte. Manchmal war dann auch die Kirmes, "la fète", in dem Ort, und dann wurde abends sogar getanzt, aber wie dort getanzt wurde! In den kleinen Orten gab es ja kaum Lokale, geschweige denn einen Saal, in dem man hätte tanzen können. Also ging man in eine Scheune, in der eine einigermaßen gute Tenne war. Auf einem Holzwagen in der Tenne nahm die Musikkapelle, meist bestehend aus nur zwei Mann, Platz. Getanzt wurde dann also in dieser Tenne. Alles versammelte sich vor der "Tanzfläche", Bänke oder Stühle gab es nicht. Es gab auch nichts zu trinken. Falls man Durst hatte, mußte man entweder in ein nahes Lokal, sofern vorhanden, oder zu den Familien in die Häuser gehen. Und trotzdem, die Jugend amüsierte sich und war froh und glücklich, auch ohne viel Alkohol. Da ich ja nun Zivilarbeiter war, konnte ich mich doch viel freier bewegen als vorher. Durch meine vielen Kontakte mit der Jugend dort wurde ich auch zu einem "Dorfjungen". Ich kannte fast alle Leute im Ort und hatte mit allen auch ein freundschaftliches Verhältnis. Ich lernte ihre Gastfreundschaft kennen, die den Franzosen eigen ist, wenn sie jemanden gut kennen. Immer mehr erkannte ich, daß es wohl überall auf der Welt auch viele gute Menschen gibt, und was für ein Wahnsinn es war, der Propaganda Glauben zu schenken und diese Menschen dann plötzlich als Feinde zu betrachten. Mir kam der Gedanke immer mehr, auch nach meiner Zeit hier die Freundschaft zu diesen Menschen aufrechtzuerhalten. Darüberhinaus nahm ich mir vor, möglichst vielen Menschen beider Völker persönliche Kontakte zu vermitteln, denn die persönliche Bekanntschaft nutzt mehr als jede Propaganda, und auch nur dann kann man sich selbst ein Urteil erlauben.

(20) Freiwillige Aufenthaltsverlagerung
Es war bereits August 1948, als Monsieur de Clerq, unser Bauer, an uns herantrat mit einer Bitte, die für uns nicht leicht zu erfüllen war. Ich muß noch erwähnen, daß im Frühjahr 1947 der dritte Sohn der Familie, Gervais, das Licht der Welt erblickt hatte. Die Familie sehnte sich nun noch nach einer kleinen Tochter. Nun war gerade für den 21. September bis 3. Oktober eine Familienwallfahrt nach Lourdes ausgeschrieben. Daran wollten Monsieur und Madame de Clerq nun teilnehmen, um für ein Mädchen zu beten. Dies war aber nur dann möglich, wenn wir beide, Eduard und ich, in dieser Zeit den Betrieb versorgen würden. Am 21. September lief aber unser Vertrag aus, und wir würden dann freiwillig länger bleiben. Für uns war das eine schwere Entscheidung. Wir zählten doch schon längst die Tage, bis wir endlich nach Hause könnten. Auch zu Hause wartete man schon sehnsüchtig auf unsere Rückkehr. Nun kam der Bauer mit diesem Anliegen, ich war hin- und hergerissen. Was sollten wir tun? Unser Bauer Gaston de Clerq hatte sich von Anfang an immer fair und korrekt zu uns verhalten. Wir durften vom ersten Tag an am gleichen Tisch mit ihm essen und wurden in die Familie mit einbezogen, was sicher noch lange nicht überall der Fall war. Er hatte auch volles Vertrauen in uns gesetzt und rechnete nun mit einem "ja". Ich schrieb nach Hause und schilderte ihnen meine Beweggründe. Natürlich waren sie etwas enttäuscht, daß es nun noch zwei Wochen später werden sollte, aber sie waren doch einverstanden. Also gab ich meine Zusage, die zwei Wochen länger zu bleiben. Eduard allerdings sagte "nein". Ihm war alles egal, er würde keinen Tag länger bleiben. Er fuhr am 21. September alleine nach Hause. Wie ich später erfuhr, fand er keine Arbeitsstelle zu Hause, und ein knappes halbes Jahr später schrieb er an Monsieur de Clerq, um ihn zu bitten, ihn wieder in seinem Betrieb zu beschäftigen. Ich war nun also alleine im Betrieb und trug die ganze Verantwortung. Schon sehr früh mußte ich raus, um die Kühe zu melken. Anschließend wurden dann die Pferde gefüttert, gemistet usw. Ich hatte den ganzen Tag meine Arbeit. Gegessen habe ich in dieser Zeit bei der Schwester unseres Bauern, Madame Decoker, deren Betrieb ja vis à vis von unserem lag. Bei ihr waren auch die drei Kinder Jaques, Hubert und Gervais untergebracht. Die 12 Tage gingen ziemlich schnell vorüber, und am 4. Oktober kamen Bauer und Bäuerin zurück. Sie bedankten sich sehr bei mir und hatten mir ein schönes Geschenk mitgebracht. Ich hatte das Gefühl, richtig gehandelt und Freundschaft mit Freundschaft und Vertrauen mit Vertauen vergolten zu haben. Seitdem vertiefte sich dieses Freundschaftsverhältnis noch, und es hat sich auch auf die Kinder übertragen. Bis zum heutigen Tag, seitdem sind fast 50 Jahre vergangen, ist unsere Freundschaft intensiv geblieben. So konnte ich nun, zwei Wochen später als vorgesehen, frohen Mutes meine Heimkehr antreten. Der Abschied war sehr herzlich, und ich erneuerte das Versprechen, den Kontakt zu der Familie aufrechtzuerhalten und sie später zu besuchen. Zu Hause wurde ich natürlich sehr herzlich empfangen. Die lange Zeit der Trennung und Ängste hatte nun ein Ende. Ich hatte mich schnell wieder in das normale Dorfleben eingefügt, und es galt nun, neue Aufgaben zu bewältigen. Zunächst mußten die Spuren des Krieges bewältigt werden, die er auch in Lutzerath hinterlassen hatte. So war z.B. im Jahre 1944 vor unserem Haus eine Panzersperre errichtet worden. Dafür war rechts und links am Straßenrand je ein Loch von 1 x 2 m Fläche und 2 m Tiefe ausgehoben worden, in das dan dicke, 4 Meter hohe Stämme gesteckt wurden. Falls ein feindlicher Panzer angerückt wäre, hätte man die Straße mit den bereitliegenden starken Querstämmen verschlossen. Als dann später wirklich die Amerikaner ankamen, schoben sie diese Panzersperren mit ihren schweren Maschinen einfach beiseite und warfen die Löcher wieder zu. In unserem Fall benutzten sie dazu unsere 2 Meter hohe Hofmauer, die nun wieder errichtet werden mußte. Meine Eltern und Schwestern waren froh, daß ich bei dieser schweren Arbeit wieder mithelfen konnte. Es gab überall viel zu tun in den nun folgenden Jahren, z.B. Reparaturen und Erneuerungen an Haus und Hof, die in den letzten Kriegsjahren nicht erledigt werden konnten. Was meine Arbeit in unserem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb anbelangte, mußte ich mich schon sehr umstellen. Ich hatte mich doch in den dreieinhalb Jahren meines Aufenthalts in Dampierre daran gewöhnt, in dem 100 ha großen Betrieb ständig mit Pferden zu arbeiten. In unserem 8 ha großen Betrieb wurde damals noch alles mit Kühen erledigt, bis dann ein paar Jahre später auch bei uns die Motorisierung Einzug hielt und das Leben in den landwirtschaftlichen Betrieben stark veränderte. Da ich auch ein begeisterter Fußballspieler war, hatte ich schnell wieder den Anschluß an meine Kameraden gefunden. Fast jeden Sonntag ging es mit der neugegründeten Fußballmannschaft zu irgendeinem Spiel in der Nachbarschaft.

(21) Meine Kontakte nach Frankreich nach dem Ende der Kriegsgefangenschaft (nach 1948)
Am 8. Oktober 1948 kehrte ich aus der Gefangenschaft heim. Wegen der nötigen Einweisungspapiere hatte ich vorher noch das Lager "Bretzenheim" passieren müssen. Da Lutzerath ja in der französisch besetzten Zone lag, mußte ich ein paar Tage später auch nach "Niederbreisig". Danach war ich dann endlich wieder registriert als Lutzerather Bürger. Es gab überall viel zu tun, und die Kontakte nach Frankreich beschränkten sich auf gelegentlichen Briefverkehr. Es war vor allem Madame de Clerq, die mir die Neuigkeiten aus Dampierre mitteilte. Ich habe ja berichtet, daß sie im September/Oktober 1948 eine Wallfahrt nach Lourdes mitgemacht hatte, um dort für eine kleine Tochter zu bitten. Im Juni 1949 bekam sie tatsächlich ein kleines Mädchen mit dem Namen "Jaqueline". Aber leider wurde ihr Töchterchen nur zwei Monate alt. Madame de Clerq war darüber sehr traurig. Aber das Leben muß ja bekanntlich weitergehen, und wie es das Schicksal wollte, bekam sie drei Jahre später noch einmal eine Tochter, die sie wieder Jaqueline nannte. Die Familie de Clerq war sehr glücklich, nach den drei Söhnen nun noch eine Tochter bekommen zu haben. Leider währte das Glück nicht sehr lange. Zwei Jahre später, am 2. Oktober 1954, starb plötzlich ihr Vater, Gaston de Clerq, im Alter von 44 Jahren. Während der Feldarbeit, er war gerade beim Roggensäen, erlitt er einen tödlichen Schlaganfall. Nun begann eine schwere Zeit für Madame de Clerq, alleine mit vier Kindern und dem großen Betrieb. Da mir dies auch alles sehr nahe ging, hegte ich den Wunsch, dort noch mal einen Besuch abzustatten. Das war damals noch nicht so ganz einfach. Wer hatte damals schon ein Auto, um eine Fahrt ins Ausland zu unternehmen?

(22) Erste private Besuche
Ende Mai 1957 war es dann soweit. Ich hatte Gertrud inzwischen geheiratet und war Vater von zwei Kindern. Gerhard war vier Jahre alt und Elisabeth ein Jahr. Mein Schwager Toni war bereit, mit mir eine Fahrt nach Frankreich zu unternehmen. Er war Elektriker und hatte mittlerweile ein Geschäft und ein Auto, mit dem man eine Fahrt riskieren konnte. Toni war ebenfalls in Frankreich in Gefangenschaft gewesen, und zwar in Toulouse, und konnte auch fließend französisch sprechen. Bei dieser Gelegenheit wollte er noch einmal zu seinem ehemaligen Arbeitgeber fahren und noch etwas weiter bis nach Lourdes. Also fuhren wir beide los Richtung Frankreich. Als wir kurz vor Dampierre ankamen, bekam ich plötzlich ein komisches Gefühl im Magen. Es waren mittlerweile fast neun Jahre vergangen seit meiner Heimkehr. Es mußte sich doch viel verändert haben in der Zeit. So war es dann auch. Die drei Jungen waren schon groß geworden und die Tochter Jacqueline hatte ich ja noch nie gesehen. Wir wurden sehr herzlich empfangen von Madame de Clerq, aber sie machte schon einen sehr kranken Eindruck. Von ihrer Schwägerin Madame Decocker erfuhren wir, daß sie an Krebs erkrankt war. Bei ihr übernachteten wir dann auch. Am nächsten Tag fuhren wir voller Eindrücke von Dampierre weiter nach Toulouse und Lourdes. Es wurde eine unvergeßliche Fahrt für uns beide. Ich war nicht überrascht, als Madame Decocker mir neun Monate später schrieb, daß Madame de Clerq an ihrem Krebsleiden verstorben sei. Sie starb am 14.2.1958 im Alter von 43 Jahren. Nun wurde es schlimm für die Kinder, vier Vollwaisen und ein großer Betrieb. Jacques war knapp 14, Hubert 12, Gervais 10 und Jacqueline noch keine 6 Jahre alt. Nun war zum großen Glück vis a vis der Betrieb von Madame Decocker, der Schwester unseres früheren Patron. Als ihre Tante hat sie sich nun der Kinder angenommen. Das war sicherlich nicht leicht für sie, aber sie hat alle vier Kinder zu ordentlichen Menschen erzogen. Ich habe von da an mit Madame Decocker noch viele Briefe gewechselt. Da mir auch die vier elternlosen Kinder sehr leid taten, habe ich ihnen öfters, vor allem zu Weihnachten, Päckchen mit Süßigkeiten geschickt. Sie waren sehr dankbar und fühlten sich sehr verbunden mit mir. Ein Zeichen dafür ist u.a., daß alle vier später ihre Hochzeitsreise zu uns nach Lutzerath unternommen haben. Nur diese freundschaftliche Verbundheit ermöglichte es mir später, viele Fahrten nach Dampierre sowie nach Givry en Argonne mit einzelnen Gruppen und Vereinen aus Lutzerath durchzuführen. Doch darüber werde ich später berichten. Durch die Päckchen, die die Kinder öfters von "Rudolf" erhielten, wurden sie sehr neugierig und wollten auch einmal zu uns nach Lutzerath kommen. Der Sohn von Madame Decocker, Astèr, damals 33 Jahre alt, hatte einen Citroen, eine große Limousine, in die er und die vier Kinder hineinpaßten. Nach mehreren Briefwechseln Ende Mai 1960 vereinbarten wir einen genauen Termin, um sie an der Grenze in Wasserbillig abzuholen. Es war damals alles noch nicht so einfach wie heute, aber es klappte hervorragend. Dieser erste Besuch in Lutzerath ist für sie alle unvergeßlich geblieben. Es war wohl mit das aufregendste Erlebnis in ihrem Leben. Es ist erstaunlich, wieviele Eindrücke von damals ihnen heute noch in Erinnerung sind. Zwei Jahre später fuhr ich dann mit mehreren Freunden nach Dampierre. Wieder war der Empfang sehr herzlich. Eine unvergeßliche Fahrt für mich fand dann im April 1964 statt. Zum ersten Mal konnte meine Frau mitfahren. Wir hatten mittlerweile drei Kinder, Elmar, der Jüngste, war jetzt vier Jahre alt. Wie das damals eben so war, mußte die Frau meistens mit den Kindern zu Hause bleiben. Nun aber fuhren wir mit der uns befreundeten Familie Laux für drei Tage nach Frankreich. Den ersten Tag verbrachten wir in Dampierre, dann ging es zum erstenmal bis nach Paris, natürlich mit Ersteigung des Eiffelturms. Wir waren sehr beeindruckt von der Größe der Stadt und ihren herrlichen Gebäuden. Unsere Fahrt ging dann noch weiter in die Normandie, nach Abbeville. Hier wohnte ein ehemaliger französischer Kriegsgefangener, der drei Jahre in Lutzerath in Gefangenschaft gewesen war. Die Überraschung für ihn war sehr groß, als plötzlich vier Lutzerather vor seiner Tür standen. Er freute sich so sehr, daß er sofort einen Tag Urlaub nahm und mit uns bis ans Meer fuhr. In den nun folgenden Jahren fanden öfters Besuche und Gegenbesuche innerhalb unserer Familien und Freunde statt, die zu einer Vertiefung unserer freundschaftlichen Beziehungen führten. So fuhren auch unsere Kinder mit nach Frankreich, wo sie dann zum Teil die Ferien verbrachten, um die französische Sprache näher kennenzulernen. Gerhard, damals 14 Jahre alt, verbrachte z.B. eine Woche bei Jacques und machte in dieser kurzen Zeit erhebliche Fortschritte in französisch, was ihm im Unterricht von Vorteil war. Elisabeth verbrachte mit 18 Jahren eine Erntesaison bei Jacques, und danach war sie im Französischunterricht mit Abstand die Beste. Es war für sie eine unvergeßlich schöne Zeit, an die sie heute noch gerne zurückdenkt. Ebenso wie ihr Vater hatte sie ihr Herz für Frankreich entdeckt. Sie hatte Freundschaft mit einem Mädchen aus Dampierre le Chateau geschlossen, die dann auch ihre Ferien bei uns verbrachte. In der Folgezeit konnte ich noch mehrere Brieffreundschaften und Bekanntschaften vermitteln, die zum Teil auch heute noch lebendig sind. Ich denke hierbei besonders an Anne, die älteste Tochter von Jacqueline, und Alexandra, die Enkelin meiner Schwester Hilde, die eine intensive Freundschaft verbindet. In sehr guter Erinnerung ist mir der 2. Juli 1967 geblieben. Jacques erschien mit einem vollbeladenen R4 bei uns in Lutzerath. Zum erstenmal war Christiane dabei, seine Frau, außerdem seine Cousine Denise, deren Tochter Catherine, und, was mich besonders freute, Madame Decocker, die Schwester unseres Bauern, die zum erstenmal, leider auch zum letzten Mal, bei uns in Lutzerath war. Ich habe ja bereits berichtet, daß sie in den Jahren nach dem Tode der Eltern die vier Kinder versorgt hat und immer den Briefkontakt zu mir aufrechterhalten und alle Neuigkeiten aus Dampierre mitgeteilt hat. An diesem 2. Juli wurde ich gerade 40 Jahre alt und Denise 39. Diese Geburtstage haben wir dann ausgiebig gefeiert. Mit dabei war auch die Familie Laux, die uns auch schon nach Frankreich begeleitet hatte. Im Laufe der Jahre wurde es wesentlich leichter, sich zu besuchen. Die Straßen wurden besser, es wurde die französiche Ost-Autobahn gebaut. Fast jeder hatte ein Auto, die Autos wurden moderner und immer schneller, dadurch benötigte man wesentlich weniger Zeit für die Fahrt. War es noch 1947 eine ganze Tagesreise von Dampierre bis Lutzerath, so konnte man diese Strecke mittlerweile in drei bis vier Stunden zurücklegen.

(23) 14. Juli 1973: Erste Fahrt mit Mitgliedern des Kirchenchores Lutzerath nach Givry en Argonne
Ich war seit 1967 Vorsitzender des Kirchenchores Lutzerath. Natürlich erzählte ich auch von unseren Begegnungen mit meinen französischen Freunden in der Champagne. Dies trieb die Neugier auf den Plan, und eines Tages wurde ich gebeten, doch mal eine Fahrt mit dem Kirchenchor nach Frankreich zu organisieren. Gesagt, getan. Es war allerdings gar nicht so einfach, in dieser Gegend so etwas zu organisieren. Es war ein rein ländliches Gebiet, in dem es kaum Übernachtungsmöglichkeiten gab. Ich mußte mich also an den nächsten größeren Ort, in dem es zumindest ein Hotel gab, wenden. Dieser Ort war Givry en Argonne. Er zählte ungefähr 600 Einwohner und lag 12 km von Dampierre entfernt. Es war das erste Mal, daß ich in diesen Ort kam. Bei meiner dreieinhalbjährigen Zeit als Kriegsgefangener hatte ich nie die Gelegenheit gehabt, bis zu diesem Ort zu gelangen. Das Hotel hatte aber nur 7 Zimmer zur Verfügung, so daß nur ein Teil der Leute dort unterkommen konnte. Ich setzte mich also mit der Familie de Clerq in Verbindung, um das Problem der fehlenden Übernachtungsmöglichkeiten zu lösen. Die Familie hatte sich mittlerweile stark vergrößert. Die vier Kinder hatten alle geheiratet und wohnten in der Gegend von Dampierre. Dazu kamen dann noch die Schwiegereltern, so daß schnell Übernachtungsmöglichkeiten für ca. 20 Personen angeboten werden konnten. Dies hat mich sehr gefreut, und unserer Fahrt stand nun nichts mehr im Wege. Am 14. Juli 1973 starteten wir zu unserer ersten größeren Fahrt in die Champagne, die für alle Teilnehmer zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden sollte. Für viele war es ja der erste Ausflug in ein anderes Land, und die vielen Eindrücke und Begegnungen in Frankreich sind ihnen bis zu heutigen Tag noch in voller Erinnerung. An diesem Morgen des 14. Juli fuhren wir mit 32 Mitgliedern des Kirchenchores in Lutzerath los. Bekanntlich ist der 14. Juli der französische Nationalfeiertag, und damit der höchste Feiertag der Franzosen. Schon morgens finden in den Städten Marschmusik und Paraden statt. Tagsüber und abends wird überall getanzt und gefeiert. An diesem Tag kann man so richtig Mentalität und Patriotismus der Franzosen erleben. Sie sind heute noch stolz auf ihre Revolution am 14. Juli 1792, die mit der Erstürmung der Bastille in Paris begann. Für viele Franzosen ist dieser Tag erst der eigentliche Beginn der französischen Geschichte, und die Parolen von damals, "Liberté - Egalité - Fraternité" ("Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit") sind auch heute noch auf jeder französischen Münze zu lesen. An diesem Feiertag kamen wir also so gegen 10.30 Uhr in St.Menehould an, dem Kreisstädtchen. Hier machten wir Rast und erwarteten Jacques, den ältesten Sohn der Familie de Clerq, der uns in die Champagne begleiten sollte. Das erste, was uns begegnete, war eine französische Blaskapelle mit ihrer Marschmusik. Nach der Begrüßung mit Jacques fuhren wir weiter über Reims nach Epernay. Hier konnten wir eine der dortigen großen Sektkellereien besichtigen, ein ganz besonderes Erlebnis. Dann ging es wieder zurück Richtung Dampierre le Chateau, wo ich dreieinhalb Jahre meiner Jugend verbracht hatte. Hier bewies sich nun die Freundschaft mit den dortigen Franzosen, von der ich öfter schon erzählt hatte. Es war an diesem Tag sehr heiß. Als wir nun in dem Hof des Betriebes Decocker - De Clerq ankamen, war dort schon eine große Tafel aufgebaut, auf der allerlei schön gekühlte Getränke für uns bereit standen. Die Überraschung war gelungen, mit so etwas hatte nicht einmal ich gerechnet. Voller Dankbarkeit stillten wir erst einmal unseren Durst und trugen dann unseren Gastgebern ein paar Lieder aus unserem Repertoire vor. Danach fuhren wir weiter nach Givry en Argonne. Wir sahen uns den Ort näher an. Er lag am Rande eines kleinen Sees, an dem es auch einen Campingplatz gab, also gab es hier auch schon etwas Tourismus. Nach dem Abendesses im Hotel setzten wir uns dort noch ins Lokal. Da nur ein Teil unserer Teilnehmer hier übernachten konnte, kamen die Angehörigen der Familien De Clerq aus den verschiedenen Orten und holten sich ihre Gäste zum Übernachten mit nach Hause. Zu später Stunde saßen wir noch mit sieben Paaren mit den anwesenden Franzosen im Lokal. Da am 14. Juli auch noch der Namenstag von "Heinz" ist, und wir zufällig vier Personen mit Namen Heinz dabeihatten, feierten wir auch ganz schön mit einigen Gläschchen Rotwein den Namenstag. Wie das bei Sängern ist, die etwas getrunken haben, wollten wir dann auch gerne singen. Uns fehlte allerdings noch der richtige Mut dazu. Wir wußten nicht, wie die Franzosen in diesem uns fremden Lokal auf unser deutsches Singen reagieren würden. Nach den nächsten Gläschen Wein riskierten wir es dann doch und sangen für die vier Namenstagskinder ein Ständchen. Die Überraschung folgte prompt. Begeistert klatschten die Franzosen Beifall. Jetzt war der Bann gebrochen. Wir kamen so richtig in Fahrt und sangen noch viele Lieder aus unserem Repertoire. Es entwickelte sich eine herzliche Atmosphäre in dem Lokal. Die Franzosen setzten sich zu uns an den Tisch, und mit viel "Kauderwelsch" zu beiden Seiten verging die Zeit bis zum Schlafengehen sehr schnell. Dies waren wohl die ersten Kontakte zwischen den Bewohnern der beiden Dörfer Givry en Argonne und Lutzerath. Viele weitere sollten noch folgen. Frohgelaunt und voller neu gewonnener Eindrücke traten wir am anderen Tag nach dem gemeinsamen Mittagessen im "Hotel L´Esperance" unsere Heimreise nach Lutzerath an.

(24) 24. - 25. Mai 1975: Erste offizielle Fahrt des Kirchenchores Lutzerath nach Givry en Argonne
Unsere erste kleine "Testfahrt" am 14. 7. 1973 hatte innerhalb des Chores ein gutes Echo gefunden. Alle waren begeistert von der Gastfreundschaft der Franzosen, und alle hegten den Wunsch, doch mal in einem größeren Rahmen eine solche Fahrt zu wiederholen. Als dann eine Einladung seitens des Bürgermeisters von Givry en Argonne an den Kirchenchor erfolgte, waren wir schnell bereit, ihr zu folgen. Um dann auch etwas besonderes bieten zu können, beschlossen wir, abends in Givry ein Konzert zu geben, mit einem Querschnitt von Liedern aus aller Welt. Also probten wir fleißig. Als besondere Überraschung für diesen Abend studierte ich mit dem Chor ein original französisches Lied ein, nämlich "Sur le pont d´Avignon". Es bereitete zwar unseren Sängern einiges Kopfzerbrechen, aber vor allem viel Freude. Darüberhinaus beschlossen wir, sonntags im Hochamt eine lateinische Messe zu singen. Gut vorbereitet, starteten wir am Samstag, dem 24. Mai, in aller Frühe zu unserer großen Fahrt. Unser erstes Ziel war Verdun. Dort besichtigten wir die Schlachtfelder. Wenn man sieht, was sich hier im Jahre 1916 während der Ersten Weltkrieges abgespielt hat, wird man still und denkt über die Sinnlosigkeit eines Krieges nach. Allein hier in Verdun mußten ca. 700000 Soldaten unserer beiden Nationen ihr Leben lassen. Ein Besuch dieser Schlachtfelder bewirkt meines Erachtens mehr als der beste Friedensappell. Weiter ging die Fahrt nach Dampierre, so wir mehrere landwirtschaftliche Betriebe besichtigten, und gegen Abend kamen wir nun offiziell in Givry an. Hier wurden wir im Festsaal der Gemeinde vom Bürgermeister, Monsieur "Raymond Labare" und den Gemeindemitgliedern offiziell empfangen, für uns alle eine große Ehre und Freude. Zum erstenmal hatten sich viele Gastfamilien aaus Givry und der näheren Umgebung gemeldet, die uns anschließend zum Essen und Übernachten in ihre Häuser mitnahmen. Wir sollten also auch privaten Kontakt mit den französischen Familien bekommen. Außer ein paar Sprachschwierigkeiten, es wurde oft mit "Händen und Füßen" geredet, klappte alles hervorragend. Nach dem Abendessen konnten wir dann in dem vollgefüllten Festsaal unsere gutgeprobten Lieder vortragen. Wir brachten einen Ausschnitt von Volksliedern aus verschiedenen Ländern, z.B. "Jascha" (Rußland), "La Montanara" (Italien), "Glory Halleluja" (Amerika), u.ä.. Höhepunkt dieses Abends war dann zweifellos das in französisch vorgetragene Lied "Sur le pont d´Avignon". Die Franzosen waren hellauf begeistert und wir ernteten stürmischen Beifall. Am Sonntagmorgen zum Gottesdienst sangen wir die lateinische Messe. Anschließend gab es einen "Ehrenwein" für alle. Nach dem Mittagessen traten wir wieder unsere Heimreise an in der Gewißheit, zwei schöne Tage erlebt und neue Freunde gewonnen zu haben. (siehe auch Zeitungsartikel im Anhang)

(25) Weitere Besuche
Unsere beiden Busfahrten 1973 und 1975 hatten sowohl in Givry als auch in Lutzerath ein sehr positives Echo gefunden. Die Lutzerather waren überrascht von der großen Gastfreundschaft der Franzosen. So war es naheliegend, daß sich auch die anderen Vereine und Gruppen unserer beiden Dörfer füreinander interessierten und eine Begegnung in freundschaftlichem Rahmen organisieren wollten. Am 3. und 4. Juli 1976 lud dann der Sportverein Lutzerath die Sportler aus Grivry zu einem ersten Gegenbesuch in Lutzerath ein. Bei Temperaturen um die 30 Grad wurden am Nachmittag gleich zwei Fußballspiele ausgetragen. Abends ging es dann zum Tanz im Saale Schneiders. Auch hier entwickelte sich eine freundschaftliche Athmosphäre und ein weiteres Mosaiksteinchen der Freundschaft wurde hinzugefügt. Man lernte sich näher kennen, und nun wollten sich natürlich auch andere Vereine begegnen. So erfolgte bereits im folgenden Jahr eine Einladung der Feuerwehr aus Givry an den Spielmannszug Lutzerath. Am 4. und 5. September 1977 fand dieser Gegenbesuch statt. Am Ortseingang von Givry wurden wir von der dortigen Musikkapelle empfangen und marschierten mit Musikbegleitung zum Festplatz, wo sich zahlreiche Franzosen zu unserem Empfang versammelt hatten. Es folgten Mittagessen, gemeinsames Konzert auf dem Festplatz und abends Tanz im Festsaal. Für alle Teilnehmer war dieser Besuch wieder ein besonderes Erlebnis. Wie immer war der Abschied sehr herzlich und der Kreis derer, die Bekannte oder gar Freunde im Nachbarland gewonnen hatten, war wieder größer geworden. Mittlerweile besuchten sich einige Bewohner aus Givry und Lutzerath auch außerhalb der offiziellen Treffen. Nun wollte die Lutzerather Feuerwehr ihrerseits die Feuerwehr aus Givry zu einem Gegenbesuch in Lutzerath einladen. Anläßlich eines großen internationalen Musikfestes, das am 28. und 29. Mai 1978 in Lutzerath stattfand, bot sich dazu eine gute Gelegenheit. Die Feuerwehr aus Givry wurde begleitet von dem Spielmannszug und den Mayoretten, eine Gruppe junger Mädchen, die durch ihre schicken Uniformen und gekonnten Tänze besonders auffielen. Es vergingen zwei Tage voller Musik in Lutzerath, an denen insgesamt 60 Vereine teilnahmen. Höhepunkt war der zweistündige Festzug durch den Ort, der in unvergeßlicher Erinnerung bleiben wird. Auch unsere Freunde aus Givry waren beeindruckt von diesem Fest und nahmen ein gutes Andenken mit nach Hause. Bereits im Herbst des gleichen Jahres, nämlich am 9. und 10. Sept. 1978, folgten die Lutzerather Fußballer einer Einladung nach Givry. Auf dem Sportplatz wurden in freundschaftlicher Athmosphäre zwei Fußballspiele ausgetragen. Beim anschließenden offiziellen Empfang sprach man zum erstenmal von einer offiziellen Partnerschaft der beiden Gemeinden. Leider muß ich erwähnen, daß der damalige Bürgermeister von Givry, Monsieur Labare, während der Fußballspiele auf dem Sportplatz einen Lähmungsanfall erlitt. Auf einer Trage wurde er dann nach Hause gebracht. Er lernte nie wieder gehen. Seine Krankheit verschlimmerte sich, und etwa 11 Monate später, am 7. August 1979, verstarb er im Alter von 68 Jahren. Es war ihm nicht vergönnt, die offizielle Partnerschaftsfeier mitzuerleben, die ein Jahr später stattfinden sollte. Er hatte sich immer sehr bemüht, die junge Pflanze der Freundschaft weiter wachsen zu lassen, und sie sollte in die Partnerschaft zwischen unseren beiden Gemeinden einmünden. Ihm sei ein ehrendes Andenken bewahrt. Am 10. und 11. Mai 1980 war es der Männergesangverein von Lutzerath, der zu einer zweitägigen Fahrt nach Givry startete. Nach einem Besuch in Reims und der Besichtigung einer Champagnerkellerei in Epernay kamen wir dann am späten Nachmittag in Givry an. Nach einem ausgedehnten Abendessen bei den Gastfamilien zeigte der MGV im vollbesetzten Saale von Givry eine Probe seines Könnens. Bei dem deutsch-französischen Abend sangen wir Volkslieder aus verschiedenen Ländern. Der Höhepunkt war dann das französische Lied "Au Claire de la Lune", das wir fast perfekt vortrugen. Es wurde ein langer Abend, bei dem der Rotwein dann auch die Sprachbarrieren überwinden half. Es wurden viele Brüderschaften getrunken, und man war ein Herz und eine Seele. Am anderen Morgen sangen wir im Hochamt, danach traf man sich beim Frühschoppen, und nach dem Mittagessen mußten wir, nach einem langen Abschied mit vielen Umarmungen und Küssen, schon wieder die Heimreise antreten. Durch die große Zahl der Freundschaften und Bekanntschaften, die sich mit jeder Fahrt vergrößerte, ergab sich immer häufiger das Problem der Verständigung untereinander. Nur wenige beherrschten die französische Sprache oder konnten sich in englisch unterhalten. Man war zwar mit dem Herzen dabei und versuchte auch, mit "Händen und Füßen" zu reden, aber es reichte dann oft nicht aus. Um diesem Problem etwas abzuhelfen, war ich gerne bereit, in Lutzerath auch Französisch-Unterricht zu erteilen, selbstverständlich kostenlos. Spontan meldeten sich ca. 30 Personen. Wir übten hauptsächlich die täglichen Gebrauchswörter, die bei unseren Treffen von Nutzen sein könnten. Acht Wochen lang drückten 30 Lutzerather jeden Mittwochabend noch einmal die Schulbank. Das machte allen Teilnehmern viel Spaß, man war mit Eifer dabei, und den Erfolg konnte man bei der nächsten Begegnung deutlich messen.

(26) Samstag, 20. Juni 1981: Erste Partnerschaftsfeier in Lutzerath
Am 20. Juni 1980 war es dann soweit: die offizielle Partnerschaft zwischen unseren Gemeinden sollte nun besiegelt werden. Diesmal waren es gleich zwei Busse mit ca. 120 Personen aus Givry und Umgebung, die zu diesem Fest anrollten. Es war allerdings nicht so einfach, für sie alle Quartiere in den Familien zu bekommen. Mittlerweile war jedoch die Bekanntschaft untereinander bereits so groß, daß dies dann doch keine größeren Probleme bereitete. Es waren auch zwei Fußballmannschaften aus Givry dabei, so daß der Nachmittag mit zwei Fußballspielen ausgefüllt war. Um 17.30 Uhr wurde dann die Partnerschaft zwischen Lutzerath und Givry en Argonne unter der Teilnahme der beiden Bürgermeister mit ihren Gemeinderäten in einer Feierstunde im Gemeindehaus vollzogen. Der neue Bürgermeister von Givry war nun "Francois Lefort". Er war vielen Lutzerathern bereits gut bekannt. Genau wie der verstorbene Bürgermeister Labare hatte er sich sehr um die Fortsetzung der freundschaftlichen Beziehungen untereinander eingesetzt. Nach Vorlesung der "Partnerschaftsurkunden" (s. Text im Anhang) konnten die beiden Bürgermeister die Urkunden unterschreiben. Von der französischen Seite war auch noch der "Conseiller General" des Bezirks Marne anwesend, Monsieur "André Boivin". Der Conseiller General in Frankreich ist eine von der Bevölkerung gewählte Person, die als Bindeglied zwischen der Bevölkerung und dem Präsidenten eines Departements fungieren soll. Die Probleme der Bürger können über den Conseiller General direkt an den Präsidenten herangetragen werden. Er hat eine wichtige Funktion in Frankreich. Dieser Monsieur André Boivin war nun derselbe Mann, der mich 1945 aus dem Gefangenenlager La Chalade als damaliger Bürgermeister von Dampierre le Chateau abgeholt hatte. Uns verband schon seit vielen Jahren eine gute Freundschaft, und es war für ihn eine ganz besondere Ehre und Freude, an dieser Partnerschaftsfeier teilzunehmen. Abends ging dann die Feier unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und der Ortsvereine im großen Festzelt weiter. Es wurden viele Festreden gehalten, viel gesungen und getanzt. (s. Zeitungsausschnitt im Anhang).Für mich war dies alles ein ganz besonders schöner Tag, auf den ich sehr stolz war. Meine jahrelangen Bemühungen, Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln, waren nun erfolgreich und wurden anerkannt. Vor allem der Jugend wollte ich Bekanntschaft mit anderen Völkern vermitteln, damit sie in der Lage waren, besser über andere urteilen zu können, denn nur, wenn man sich kennt, kann man sich achten und schätzen lernen. Von den ersten Kontakten mit den Bewohnern von Givry bis zur offiziellen Partnerschaft war es schon ein langer Weg gewesen. Es würde zu weit führen, all die kleinen Besuche und Begegnungen zu erwähnen, die nötig gewesen waren, um dies alles zu organisieren. Daraus entstanden öfters richtige Freundschaften und auch Brieffreundschaften zwischen den Schülern unserer beiden Orte. Es war also eine Partnerschaft, die von unten nach oben entstanden ist. Viel Kleinarbeit war zwar nötig, um sie zu erreichen, aber ich glaube, dafür hat sie auch ein festeres Fundament bekommen, als manche Partnerschaft zwischen Städten, die von oben verordnet wurde, bei der aber die breite Bevölkerung nicht in dem Maße mit einbezogen wurde.

(27) 26. - 27. Juni 1982: Partnerschaftsfeier in Givry en Argonne
Bei der offiziellen Partnerschaftsfeier am 20. Juni 1981 in Lutzerath hatte Bürgermeister Lefort aus Givry die Verschwisterung der beiden Gemeinden mit einem Funßballspiel verglichen. Die erste Hälfte war in Lutzerath ausgetragen worden, die zweite Hälfte sollte nun, ein Jahr später, in Givry ausgetragen werden. Am 26. Juni starteten gleich zwei Busse aus Lutzerath nach Givry, um an dem zweiten Teil der Partnerschaftsfeier in Givry teilzunehmen. Auch diesmal konnten fast alle Teilnehmer in Privatquartieren von Familien aus Givry und Umgebung aufgenommen werden. Als besondere Überraschung hatten unsere Gastgeber in der Mitte des Ortes ein großes Wasserbecken errichtet. In einer großen Plane von 10 x 25 m, die rundum mit drei Reihen Stohballen abgedichtet war, wurde ca. 80 cm hoch Wasser eingefüllt. In diesem Wasserbecken wurden nun am Nachmittag verschiedene Wasserspiele als Wettkämpfe zwischen zwei Mannschaften aus Lutzerath und Givry ausgetragen. Die Bevölkerung war dabei und feuerte kräftig an. Es war ein herrlicher Nachmittag, und die Freude und Begeisterung war sehr groß. Nach der Siegerehrung für diese "Spiele ohne Grenzen", die von Lutzerath knapp gewonnen wurden, wurde kräftig gefeiert. Der Fanfarenzug und die Majoretten von Givry umrandeten das Nachmittagsprogramm mit ihren Spielen und Tänzen. In einer kleinen Feierstunde im Verwaltungsgebäude in der "Mairie" erfolgte dann die Eintragung ins Goldene Buch seitens der beiden Bürgermeister und der Gemeinderäte. Als Bindeglied und Initiator dieser Partnerschaft durfte ich dann zwischen die Unterschriften der beiden Bürgermeister die meinige setzen. Ähnlich wie in Lutzerath verlief dann der weitere Festabend mit Festreden und der Beteiligung der verschiedenen Vereine in voller Harmonie. Bis spät in die Nacht wurde getanzt. Am nächsten Tag wurde noch weiter gefeiert bis zum Abschied, bei dem das halbe Dorf wieder versammelt war. Wir fuhren zurück in der Gewißheit, wieder neue Freunde gewonnen und alte Freundschaften vertieft zu haben. Nach diesen beiden Partnerschaftsfeiern erfolgten in gewissen Abständen mehrere gegenseitige Besuche, die in etwa im gleichen Schema abliefen. So erschien am 4. und 5. Juni 1983 die Feuerwehr von Givry zum zweitenmal in Lutzerath. Im Herbst des gleichen Jahres, am 4. und 5. September 1983, fuhr die Jugendgruppe von Lutzerath nach Givry. Anlaß war die Verabschiedung des Pastors von Givry, L´Abbé Pasian. Acht junge Mädchen aus Lutzerath gestalteten gekonnt die Messe. Am 14. und 15. Juli 1984 war der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Lutzerath zum Nationalfeiertag der Franzosen nach Givry eingeladen. Mittlerweile hatte Lutzerath einen neuen Bürgermeister, Karl-Heinz Müllen, der zum erstenmal offiziell an dieser Fahrt teilnahm. Der langjährige Bürgermeister Johann Welter war an seiner schweren Krankheit leider zu früh verstorben. Ihm sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt für sein unermüdliches Engagement zur Entfaltung der Freundschaft zwischen Lutzerath und Givry. Wie immer am 14. Juli, wurde auch diesmal wieder viel gefeiert und getanzt. es wir an diesem Tag auch viel Tradition bewahrt, und der Gefallenen beider Weltkriege gedacht. Ihnen zu Ehren findet nachmittags der traditionelle Marsch durch den Ort zum Ehrenmal statt. Da nun unser Spielmannszug in Givry zu Gast war, sollte er an dieser Feier teilnehmen. Das war jedoch eine etwas delikate Angelegenheit. Man weiß, daß dem Franzosen ein starkes Nationalitätsgefühl und ein starker Patriotismus zu eigen ist. Nach Rücksprache des Bürgermeisters mit den "Ehrenlegionären", die ebenfalls eine Teilnahme des Lutzerather Spielmannszuges befürworteten, stand der gemeinsamen Feier nichts mehr im Wege. Die Ehrenlegionäre sind alte Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg und genießen eine besondere Hochachtung in Frankreich. Vor dem Ehrenmal angekommen, fanden nun die traditionellen Ansprachen statt. Die Bürgermeister unserer beiden Orte fanden behutsame Worte zur Ehre der Gefallenen unserer beiden Nationen und legten gemeinsam einen Ehrenkranz vor dem Denkmal nieder. Als dann unser Spielmannszug "Ich hatte einen Kameraden" spielte, ging mir das doch sehr unter die Haut und ich bekam feuchte Augen. Man überlege sich: 40 Jahre vorher hatten wir noch als Feinde gegenübergestanden, und nun war es so, daß wir als Freunde gemeinsam diese Ehrung durchführen durften. Dieser Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben Am 8. und 9. Juni 1985 erfolgte bereits der dritte Besuch des Sportvereins von Givry in Lutzerath. 26. - 27. Sept. 1986: Mit der Gemeinde Lutzerath zum 5jährigen Bestehen der Partnerschaft nach Givry mit Ehrenbürgerernennung Fünf Jahre nach Bestehen der Partnerschaft fuhren wir auf Einladung unserer Partner mit der Gemeindevertretung und vielen Bürgern aus Lutzerath nach Givry. Wie immer war der Empfang herzlich und alle wurden in Familien aufgenommen. Am Nachmittag fand ein offizieller Empfang mit Eintragung ins Goldene Buch statt. Abends trafen wir uns alle im Festsaal der Gemeinde, wo als besonderer Höhepunkt meine Ernennung zum Ehrenbürger von Givry vorgesehen war. Ich hatte zwar vorher gehört, daß ich irgendwie geehrt werden sollte, aber die Ernennung zum Ehrenbürger war dann doch eine Überraschung für mich. Nach der Festansprache des Bürgermeisters Lefort mit Verlesung der Ehrenbürgerurkunde (s. Anhang) übernahm die weitere Ehrung der Conseiller General, Monsieur Boivin, der mich 40 Jahre vorher aus dem Gefangenenlager abgeholt hatte. Er kannte meinen Weg von damals bis zu diesem Zeitpunkt genau, und es war ihm eine besondere Freude, für mich die Festrede zur Ehrenbürgerschaft zu halten. Im offiziellen Beschluß hieß es: "Wir ehren damit einen Freund und seine Verdienste, weil er diese so lebendige deutsch-französische Partnerschaft ins Leben rief." Weiter führte er aus: "Die Beziehungen sind deshalb so gut, weil Rudi Schenk auch unsere Sprache spricht. Seine Verdienste waren für uns Grund genug, ihn zu unserem Ehrenbürger zu machen." Ich war natürlich stolz auf diese Ehrung, wurden doch miene Bemühungen um das Näherkennenlernen unserer beiden Völker auf kleinster Ebene, um das gegenseitige Verständnis, um gegenseitige Achtung, um aus vergangener Feindschaft eine ehrliche Freundschaft zu gründen, auch seitens der Franzosen anerkannt und gewürdigt. Es war ein markanter Tag in meinem Leben. Ich bedankte mich herzlich für diese hohe Ehrung, und versprach auch weiterhin, alles zu tun, damit unsere Partnerschaft auch in Zukunft eine lebendige bleiben sollte.

(28) Weitere Treffen in den folgenden Jahren
19. - 20. Sept. 1987: 50 Bürger aus Givry und Umgebung weilten zwei Tage in Lutzerath. Wir besichtigten die Stadt Koblenz und die Festung Ehrenbreitstein und wie immer verlief der Samstagabend bei Tanz und Unterhaltung sehr harmonisch. 3. - 5. Sept. 1988: Eine Delegation von Lutzerathern nahm an der Einweihung des Verwaltungsgebäudes (Mairie) in Givry teil. 20. - 21. Mai 1989: Wieder einmal war der Spielmannszug Lutzerath zu Gast in Givry. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich etwas verändert in der Führung unserer Orte. In Givry hieß der neugewählte Bürgermeister Dr. Remy Jacquet, ein praktizierender Arzt, in Lutzerath war es Reinhold Müllen. Erfreulicherweise haben beide neugewählten Ortsbürgermeister mit dem gleichen Elan wie ihre Vorgänger die Partnerschaft Givry-Lutzerath unterstützt. In ihren Ansprachen bedankten sie sich für die geleistete Arbeit der beiden Vorgänger, Monsieur Francois Lefort aus Givry und Karl-Heinz Müllen aus Lutzerath. Zum Konzert auf dem Festplatz wirkten neben dem Spielmannszug der Fanfarenzug von Givry und eine Musikkapelle aus St. Menehould mit. Ansonsten verlief das Treffen wie immer harmonisch mit einem deutsch-französischen Abend. 30. Juni - 1. Juli 1990: Zu seinem ersten Besuch nach Lutzerath startete der neugegründete Kirchenchor von Givry am 30. Juni 1990. Für die Lutzerather war es eine Freude, daß die erste Fahrt dieses Vereins zu ihnen führte. Besonders die Mitglieder des Lutzerather Kichenchors nahmen sich ihrer französischen Sangesbrüder und -schwestern an. So war es leicht, einen Liederabend zu organisieren, an dem sich neben dem Gastchor aus Givry noch mehrere Vereine aus der Umgebung von Lutzerath beteiligten. Es wurde ein gelungener Abend, im Wechsel erklangen deutsche und französische Lieder. Besonders das Lied und der Gesang sind geeignet, Brücken der Freundschaft zwischen den einzelnen Nationen zu bauen, und so trug auch dieser Abend wieder zur Vertiefung der Freundschaften und zur Entstehung neuer Freundschaften bei.
1. - 2. Juni 1991: Zum 70jährigen Bestehen der Lutzerather Feuerwehr waren die Feuerwehrmitglieder aus Givry eingeladen. Nach einem Konzert im Festzelt und Aufnahme in die Familien fand abends wieder ein Ball im Zelt statt. Am nächsten Tag wurden Feuerwehrübungen und Wettkämpfe der Feuerwehren vorgeführt. Für unsere Gäste waren Wettkämpfe dieser Art und in diesem Umfang etwas Neues.
7. - 8. Sept. 1991: Besuch in Givry zum 10jährigen Bestehen der Partnerschaft
Aus Anlaß des 10jährigen Bestehens der Partnerschaft wurde wieder ein größeres Treffen vereinbart. Diesmal fuhren wir mit zwei Bussen nach Givry. Teilnehmer waren der Gemeinderat, der Kirchenchor, der Sportverein und sonstige Lutzerather Bürger. Nach der Eintragung ins Goldene Buch fand der Festabend im renovierten Festsaal statt. Unser Bürgermeister Reinhold Müllen überreichte als Gastgeschenk ein Kupferrelief, hergestellt von Gottfried Blang, mit den Motiven der Kirchen von Lutzerath und Driesch. Es erhielt einen Ehrenplatz im Saal. Anschließend begeisterten die Kirchenchöre aus Givry und Lutzerath die Zuhörer mit ihren Vorträgen von abwechslungsreichen Folklore-Liedern. Höhepunkt war das von beiden Chören gemeinsam vorgetragene Lied "Kein schöner Land" (s. Zeitungsabschnitt). Als besondere Überraschung präsentierten die Gastgeber dann zu Mitternacht eine dreistöckige Hochzeitstorte, als Sinnbild der Hochzeit zwischen unseren beiden Gemeinden. Als Ehrenbürger der Gemeinde Givry durfte ich dann die Torte anschneiden, und anschließend konnte jeder der ca. 400 Anwesenden ein Stück davon kosten. Bis in die frühen Morgenstunden wurde getanzt und gefeiert. Am anderen Tag bei der deutsch-französischen Gemeinschaftsmesse wartete der Kirchenchor Lutzerath mit einer neuen Überraschung auf. Gekonnt trug er das französische Lied "Vierge de Lumiere" vor, was mit starkem Beifall belohnt wurde. Zum erstenmal hatten die Franzosen zum Mittagessen im Festsaal eingeladen, wo alle Gastgeber mit ihren Gästen, es waren insgesamt 280 Personen, fast drei Stunden lang ein typisch französisches Essen einnehmen konnten. Es entwickelte sich eine sehr vertraute Atmosphäre, aus der heraus wir dann leider bald wieder Abschied nehmen mußten. Bei der Rückfahrt dachten und redeten wir noch viel von dieser schönen Begegnung. Es war wieder mal echte Gastfreundschaft, die uns da von unseren französischen Freunden entgegengebracht worden war. Für mich war es eine besondere Freude, daß die Partnerschaft auch 10 Jahre nach ihrer Gründung noch genauso lebendig war wie am ersten Tag, und die Freundschaft untereinander mittlerweile viele Familien verband.
14. - 15. Mai 1993: Anläßlich der 100-Jahr-Feier des Kirchenchores Lutzerath war wieder der Kirchenchor von Givry zu Gast und begeisterte mit seinen Vorträgen. Besonderen Applaus erhielt das in deutsch vorgetragene Lied "Wahre Freundschaft soll nicht wanken".
4. - 5. Juni 1994: Der Gemeinderat von Lutzerath weilte für zwei Tage in Givry. Nach einer gemeinsamen Sitzung der beiden Gemeinderäte in der Mairie traf man sich beim Grillfest am See und es wurde wieder ein harmonischer Abend.
4. März 1995: Privater Besuch in meinem alten Gefangenenlager: Am 4. März 1995 starteten wir mit dem uns befreundeten Ehepaar Stender wieder einmal zu einer Fahrt zu unseren Freunden nach Frankreich. Diesmal sollte es eine ganz besondere Fahrt werden, waren es doch auf den Tag genau 50 Jahre her, als ich in Gefangenschaft geriet. Ich wollte noch einmal Erinnerungen auffrischen. Aus diesem Grunde wollte ich unter anderem auch noch einmal unser ehemaliges Gefangenenlager "Lachalade" besichtigen. Ein paar Worte zur Geschichte: La Chalade ist ein altes Zistersienser-Kloster. Es liegt mitten im Argonnerwald, etwas südlich von Varennes. Es wurde Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut, mit Anschluß einer Klosterkirche. Die Mönche erbauten alles in eigener Regie. Sogar alles Glas für die vielen Fenster wurde von ihnen hergestellt (Verrier). Es wohnten zeitweise bis zu 400 Mönche dort. Sie schliefen in großen Räumen auf Stroh. Sie rodeten das ganze Tal der Biesme, ein Bachtal in den Argonnen, und wandelten es überwiegend in Viehweiden um, wie man heute noch sehen kann. So lebten sie ein paar Jahrhunderte bis zur französischen Revolution. Während der Revolution wurden einige Gebäude zerstört und die Mönche vertrieben. Etwa 50 Jahre später kam das Kloster wieder in ihren Besitz und wurde zum Teil erneuert. Die großen Säle wurden zu Zimmern umgebaut, daher konnten nur noch etwa 100 Mönche hier unterkommen. Sie lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft und der Glasherstellung. Bei den Kämpfen im Argonnerwald während des Ersten Weltkrieges wurde das Kloster stark beschädigt. Die Mönche mußten das Kloster wiederum verlassen, es diente lediglich noch als Munitionslager. Nach dem Krieg wurde es nur noch notdürftig hergerichtet und blieb leerstehen. Die angrenzende Klosterkirche wurde zur Pfarrkirche der katholischen Pfarrgemeinde von La Chalade. Während und nach dem zweiten Weltkrieg diente es als Gefangenenlager, und ich verbrachte bekanntlich auch ein paar Wochen dort als Kriegsgefangener. So war es für mich schon etwas besonderes, genau 50 Jahre später nochmal den Ort zu besuchen, an dem ich moralisch ganz unten gewesen war und schlimmen Hunger erlitten hatte. Mittlerweile ist das Kloster in den Privatbesitz der Familie Chanan-Belval übergegangen, die es nach und nach instandsetzen ließ. Bei meinen verschiedenen Besuchen dort hatte ich die Familie kennengelernt und Freundschaft geschlossen. Sie ist sehr erfreut darüber, daß sich ein ehemaliger Kriegsgefangener für ihr Kloster und seine Geschichte interessiert. Ich durfte mich ins dicke Klosterbuch eintragen und als Erinnerung an den 50ten Jahrestag meiner Gefangenschaft tranken wir noch ein paar Gläser guten Moselweins und gaben und der Erinnerung hin. Wie hätte ich auch vor 50 Jahren ahnen können, daß es mir einmal vergönnt sein würde, in Freundschaft mit den Franzosen an dieser Stelle zu stehen, an der ich die dunkelsten Tage meiner Gefangenschaft durchleben mußte?
13. und 14. Mai 1995: Im Rahmen der gegenseitigen Partnerschaftsbesuche fuhr an diesem Tag zum erstenmal die Jugendwehr von Lutzerath und Driesch mit dem Spielmannszug nach Givry. Für viele der Jugendlichen war es der erste Besuch in einem anderen Land. Entsprechend stark waren die gewonnenen Eindrücke. Alle waren begeistert von der Gastfreundschaft unserer französischen Freunde. Dieser Partnerschaftsbesuch war außerdem von einem historischen Datum begleitet, waren es doch fast auf den Tag genau 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In den Begrüßungsansprachen wurde besonders darauf hingewiesen. Man war dankbar und glücklich darüber, daß wir diese 50 Jahre in Frieden erleben durften, und daß es uns gelungen war, in dieser Zeit eine wirkliche Freundschaft aufzubauen. Wir hofften, daß besonders die Jugend diese Freundschaft weitertragen möge.